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Kultur "Tannöd" mit Julia Jentsch kommt in die Kinos
Nachrichten Kultur "Tannöd" mit Julia Jentsch kommt in die Kinos
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19:25 18.11.2009
Von Stefan Stosch
Monica Bleibtreu (links) und Julia Jentsch in "Tannöd".
Monica Bleibtreu (links) und Julia Jentsch in "Tannöd". Quelle: Constantin
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Unter diesen Wipfeln ist keine Ruh’: Wild wiegt der Wind die Baumkronen rund um den abgelegenen Tannöd-Hof. Das Holz ächzt, und wenn gleich ein Zombie von einem Stamm zum nächsten huschen würde, wäre das gar nicht weiter verwunderlich. Seit „Hänsel und Gretel“ kommt der deutsche Wald nicht zur Ruhe, und im Kino sind Schauermärchen momentan en vogue: Kürzlich erst hat der Däne Lars von Trier in „Antichrist“ an diesem mystischen Ort zum Zwecke der Paatherapie ein paar Hexen losgelassen.

Untote braucht es jedoch nicht im Film „Tannöd“, auch wenn Regisseurin Bettina Oberli (über)deutliche Anleihen im Horrorgenre macht und so hektisch filmt und schneidet, als sei das hier eine Fortsetzung vom „Blair Witch Project“. Bald schon haben die Lebenden genug mit den blutüberströmten Leichen zu tun, die sie im Stall und im Kinderzimmer auf dem Tannöd-Hof finden: Die ganze Danner-Sippe – Mutter, Vater, Kinder und die neue Magd – hat der Mörder mit der Spitzhacke erschlagen. Vor zwei Jahren geschah dieses grausliche Verbrechen. Bislang wurde der Täter nicht gefasst.

Am 19. November startet das Krimi-Drama "Tannöd" in den deutschen Kinos. In den Hauptrollen sind Julia Jentsch und Monica Bleibtreu zu sehen.

Die meisten Dorfbewohner denken sowieso, dass es die Richtigen erwischt hat. Der tyrannische Danner (Vitus Zeplichal), das meint jeder zu wissen, hat sich des Inzests mit seiner Tochter Barbara (Brigitte Hobmeier) schuldig gemacht. Menschenfeind und Geizhals ist der Bauer auch. Um so einen ist’s nach Meinung der anderen nicht schad’.

Regisseurin Oberli – bekannt durch die Seniorenkomödie „Die Herbstzeitlosen“ – hat den gleichnamigen Roman von Andrea Maria Schenkel verfilmt. „Tann-öd“ wurde vor drei Jahren zum Bestseller, gerade weil er sich nicht in der üblichen Jagd nach dem Mörder erschöpfte. Die Autorin montierte die Aussagen von Beteiligten zu einem dokumentarischen Mosaik zusammen. Zudem verlegte Schenkel die Geschichte in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt keine bessere Ära, um von kollektiver Schuld und Verdrängung in Deutschland zu erzählen.

Das sieht auch die Schweizerin Oberli so. Trotz aller Effekthascherei zwingt sie die Handlung nicht ins übliche Krimikorsett. Auch ihr geht es um das schwer belastete Zusammenleben im Dorf – und daran sind nicht nur die Morde auf dem Tannöd-Hof schuld. Bigotterie, Engstirnigkeit, Triebunterdrückung bestimmen das Leben in dieser erzkatholischen Gegend, in der an jeder größeren Waldkreuzung eine Jesusfigur ans Kreuz genagelt ist.

Oberli spielt viel mit Rückblenden und wechselt immer wieder die Perspektive – offensichtlich ein Tribut an die Erzählstruktur des Romans, doch macht das ihren Film für den Zuschauer zwischenzeitlich anstrengend.

Ordnung bringt eine Figur, die die Regisseurin neu einführt: Die junge Kathrin (Julia Jentsch, die NS-Widerstandskämpferin „Sophie Scholl“) kommt ins Dorf. Kathrin will ihre an Krebs gestorbene Mutter beerdigen und schnell wieder abfahren, merkt dann aber bald, dass es auch in ihrem Leben eine Verbindung zu den Danners gab. Fürs Abreisen ist es zu spät.

Plötzlich bricht die Vergangenheit wieder auf, hervorgekitzelt durch die widerborstige Traudl (in einer ihrer letzten Rollen: Monica Bleibtreu, die demnächst noch in Fatih Akins „Soul Kitchen“ zu sehen sein wird). Die Alte sprüht vor Gift und Galle, höhnt und spottet wie ein Rumpelstilzchen. Beinahe jeden verdächtigt sie des Mordes. Auch ihre Schwester, die Magd, starb auf dem Tannöd-Hof. Traudl fühlt sich schuldig an ihrem Tod.

Buchautorin Schenkel beruft sich in ihrem Roman auf einen authentischen Fall, der sich 1922 im oberbayerischen Hinterkaifeck abspielte. Über den Mörder wird bis heute spekuliert. Das wäre eine Chance gewesen, auch dem Kinozuschauer das ein oder andere Rätsel zuzumuten und die Geschichte nicht ganz zu Ende zu erzählen. Wie das geht, hat kürzlich Regisseur Michael Haneke demonstriert: In seinem Meisterwerk „Das weiße Band“ entließ er das Publikum mit dem beunruhigenden Gefühl, mit den Verbrechen im Film noch nicht fertig zu sein. So viel Mut hat Bettina Oberli nicht.

Immerhin zeigt die Regisseurin, wie sich auch Außenstehende vom Schweigen und Verdrängen anstecken lassen.Frösteln tut’s den „Tannöd“-Zuschauer schon im finsteren bayerischen Tannenwald.

Verdrängen, wegschauen, gruseln: Deftige Verfilmung eines Bestsellers.

Martina Sulner 18.11.2009
Simon Benne 17.11.2009