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Kultur Tanz der Unmöglichkeiten
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06:16 02.09.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Compagnie Peeping Tom hat das Festival Tanztheater International eröffnet. Quelle: Herman Sorgeloos
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Hannover

Das ist bitter: Der junge Mann mit der Taschenlampe schreitet durch den nächtlichen Salon, plötzlich leuchtet er einem Fremden ins Gesicht und stellt fest: er ist es ja selbst. Allerdings um Jahre gealtert. Die Haare sind silbern, wie auch der Bart, der Körper ist eingefallen, die Haut wirkt grau. An akrobatische Tanzbewegungen, die der junge Mann gerade noch vorgeführt hat, kann der alte nicht einmal mehr denken.

Das Alter und die körperliche Hinfälligkeit spielen im zeitgenössischen Tanztheater meist keine große Rolle. Ein blinder Fleck ist das zwar nicht – schließlich hat ja auch Pina Bausch schon mal ein Tanzprojekt mit Senioren gemacht – aber oft wendet sich das Tanztheater dem Thema Alter nun auch nicht gerade zu.

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Die belgische Tanzcompagnie „Peeping Tom“ greift in ihrer neuen Produktion „For Rent“, mit der das Festival „Tanztheater International am Donnerstag im Schauspielhaus eröffnet wurde, gleich mehrfach das Thema Alter auf. Spielort ist ein schon recht in die Jahre gekommener herrschaftlicher Salon. Hier residiert die Madame mit ihrem Diener. Und hier haben die Geister der Vergangenheit ihren Auftritt. Eine Sopranistin taucht auf (auch sie erst strahlend und erfolgreich und später stimmlos und hinfällig) und ihr Ehemann, der ihr eine Freude machen will. Auch Zuschauer stehen auf der Bühne – die Tänzer der Gruppe werden von Statisten ergänzt, die Publikum spielen. Es geht um Kunst und das Ende von Kunst, um die schönen Jahre, die vergangen sind, und um Herrschaftsverhältnisse. Schräge Doppelungen spielen eine wichtige Rolle. Viele Figuren sind zweimal zu sehen – manchmal auch als das Zerrbild ihrer selbst. Man spürt: so ist das Leben.

Das Spiel des Lebens - und des Sterbens - treibt die Gruppe unter der Regie von Gabriela Carrizo und Franck Chartier oft auf die Spitze – und manchmal sogar darüber hinaus. Der Tanz auf den Zehenspitzen des klassischen Balletts wird hier so weit getrieben, dass die Füße der Tänzer gelegentlich ganz umknicken. Das tut weh - beim Zuschauen. Es ist aber auch: fantastisch. Technisch wird hier auf höchstem Niveau getanzt. Akrobatisch rollen die Darsteller über den Bühnenboden, waghalsig springen sie von Podesten, witzigerweise verschwinden sie auch manchmal in den Polstern eines Sofas. Es gibt auch einige Schauspielelemente zu sehen und einige schöne musikalische Einlagen. Verblüffend ist der Ideenreichtum der Gruppe – und das merkwürdig traurige Gefühl, mit dem man das Theater am Ende dieses virtuosen Tanzes der Unmöglichkeiten verlässt.

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