Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Tausende feiern Xavier Naidoo am Expo-Gelände
Nachrichten Kultur Tausende feiern Xavier Naidoo am Expo-Gelände
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 12.06.2014
Doppelt hält besser: Von Großbildleinwänden umringt spulte der Sänger sein Können ab. Quelle: Frank Wild
Anzeige
Hannover

Es ist schon fast dunkel auf der Expo Plaza, als sich Tränen unter den Schweiß mischen. Xavier Naidoo singt „Amoi seg' ma uns wieder“ im Dialekt des Österreichers Andreas Gabalier, der das Lied geschrieben hat. Naidoo hatte den Volksmusiker bei der VOX-Show „Sing meinen Song“ zum Weinen gebracht. Der Song ist auch Naidoos, dessen Vater wie der von Gabalier früh starb. Das Lied ist zu Ende, Stille, denn Naidoo hatte die Zuschauer gebeten, kurz ruhig zu sein. Dann kommt „das passende Lied danach“, sagt Naidoo. Und singt „Alles kann besser werden“. So geht Erlöserpop.

Der Sänger, Songwriter und Mitbegründer der Söhne Mannheims gab am Sonntag ein Open-Air-Konzert in Hannover. Auf der Expo-Plaza präsentierte Naidoo die Höhepunkte aus seiner Karriere.

Die Show von Xavier Naidoo auf der gut gefüllten Expo Plaza ist nahezu perfekt. Nach hinten abgesetzte Leinwände geben der Bühne eine schöne Tiefe. Der Sound ist auf dem ganzen Platz vor der TUI Arena exzellent, ob nun direkt vor der Bühne, neben dem Technikturm oder hinten, wo es Erdbeeren mit Prosecco gibt oder China-Nudeln frisch aus dem Wok. Ganz voll ist es nicht wie beim Plaza-Festival, aber gut gefüllt wie bei den Kings of Leon vor einigen Tagen. Vorne tanz Naidoo in kurzer beiger Hose, beige Jacke, Schiebermütze und Sonnenbrille. Schon beim ersten Lied des Abends, „Bei meiner Seele“ vom gleichnamigen aktuellen Album, tropft Naidoo der Schweiß von Stirn und Kinn. „Geht's euch gut da draußen“, das wird er an diesem Abend ein paar Mal fragen. Es ist heiß in Hannover an diesem Tag, das Gewitter soll erst in der Nacht für etwas Abkühlung sorgen.

Anzeige

Am Anfang war die Schöpfung, auch bei Xavier Naidoo. Er durfte mit Sabrina Setlur „Frei sein“ singen, ein fragendes Stück über den Weltenlenker. Wer das Lied hörte, das Video sah, fragte sich: Wer ist dieser Typ? Produzent Moses Pelham erkannte das Potenzial und bastelte mit Naidoo 1998 das Debütalbum „Nicht von dieser Welt“. Danach: Hits, Hits, Hits. Naidoo, der im Oktober 43 Jahre alt wird, gehört heute zu den erfolgreichsten Popmusikern Deutschlands, seine Stimme zu den besten und sicher markantesten. Und seit der Weltmeisterschaft 2006, als er sang, dass „Dieser Weg“ zum Sieg kein leichter sein würde, ist Naidoo auch noch so etwas wie der offizielle Sänger von Jogi, Poldi und Kollegen.

Naidoo ist mit den Jahren lockerer geworden. Wobei, vielleicht eher offener, selbsterklärender. Er sei gar nicht so ein eitler Fatzke, sagte er sinngemäß bei einem Auftritt mit seinem Mannheimer Kumpel Bülent Ceylan. Die Sonnenbrille etwa, die trage er wegen einer leichten Form der Epilepsie. Das merkwürdige bei Xavier Naidoo ist trotz des Blickes hinter die Brille, das man nicht weiß, wofür er steht. Das ist bei Popmusik keine Grundbedingung, aber Naidoo ist seit Jahren so präsent, sagt hier was und dort, engagiert sich für und gegen Dinge. Was bleibt ist eben dieser Erlöserpop mit reaktionären Anleihen. „Heer“ und „Armeen“ (Gottes), das sind zwei Worte, die sich durch sein Werk ziehen. Wenn er also nicht missionarisch unterwegs ist, wie Naidoo betont, dann hat die Kreativität doch recht enge Grenzen. Vor zwei Jahren war der Sänger wegen des Textes von „Wo sind sie jetzt“ angezeigt worden. In dem gemeinsamen Stück mit Rapper Kool Savas soll es um Kindesmissbrauch gehen. Der plumpe Text fragt, warum nicht alle Männer Vaginas lieben, durch die doch Kinder auf die Welt kommen. Und wo „unsere starken Männer“ und „unsere Führer“ seien. Darin konnte man einen Aufruf zur Selbstjustiz gegen Sexualstraftäter sehen, und auch Homophobie. Naidoo bekannte vor einigen Jahren, dass seine Heimat Mannheim eigentlich Zion sei, das neue Jerusalem, in dem sich (der Definition nach) die von Gott Erlösten versammeln werden. Geschadet haben ihm diese Bräsigkeiten nicht.

In Hannover singt Naidoo vier Stücke seines Nebenprojekts Der Xer. Einige Fans sind offensichtlich nicht froh, dass dieser Dubstep-Ausflug einen so großen Raum einnimmt. „Mordsmusik“ heißt das erste Album unter dem Pseudonym. Es geht um Gewalt, um Rache, darum, was einen Menschen zum Mörder macht, basslastig, mit ordentlich Wumms unterlegt. Naidoo steht auf der Bühne, in der linken Hand das reguläre Mikrofon, in der rechten eines mit dem Auto-Tune-Effekt, das seine Stimme metallisch hoch klingen lässt wie di späte Cher. Ein Jugendtraum sei das Projekt, eine Erinnerung an alte Türsteherzeiten in Mannheim, als die elektronische Musik aufkam. Es soll ein weiteres Album geben, aber diese Tiraden eines Seelenfängers voller Hass, die könnten schön in der Kiste bleiben.

Der Rest des Abends verläuft ruhiger, aus den Zeiten als Xavier oder als Teil der Söhne Mannheims. „Wo willst du hin“, „Und wenn ein Lied“, „Dieser Weg“, „Bitte hör' nicht auf zu träumen“. Die Fans tanzen, Paare umarmen sich, Handy-Displays leuchten in ausgestreckten Armen, noch mehr nach der Zugabe. Ein wohliges Gefühl ist spürbar bei den Zuschauern. Wird schon alles. Wenn nicht heute, dann später. Vielleicht ja in Mannheim.

Gerd Schild

Kultur Bansky-Ausstellung - Das Mysterium der Streetart
08.06.2014
Kultur Die Geburtsstätten des Rock 'n' Roll - Auf den Spuren der Stones
Mathias Begalke 11.06.2014