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Kultur TfN zeigt Musical „Die Show ihres Lebens“
Nachrichten Kultur TfN zeigt Musical „Die Show ihres Lebens“
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07:37 13.02.2012
Aneinandergekettet: Navina Heyne und Regine Sturm als Hilton-Twins. Quelle: Hartmann
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Hannover

Man müsste schon ein Herz aus Stein haben, um nicht gerührt zu sein. Da stehen also, am Ende des ersten Teils, die siamesischen Zwillinge im Rampenlicht, sind den billigen Freak-Shows der amerikanischen Jahrmärkte entkommen und kurz davor, eine gigantische Showkarriere hinzulegen.

Vorher aber müssen sie noch eine dieser typischen Musicalnummern hinlegen, ein großes Duett darüber, dass es doch schön wäre, so zu sein wie die normalen Leute, und dass sie auch geliebt werden möchten, als individuelle Person – und nicht nur als Zwilling. Es mag kitschig sein, aber zugleich ist es wunderbar. Navina Heyne und Regine Sturm kleben an der Hüfte zusammen (indem sie schlicht dicht beieinanderstehen), umfassen ihre Hände, wenden die Köpfe ab, senken ihre Blicke und zeigen, dass es hier nicht um aufgesetztes Pathos, sondern um Menschen geht.

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Die Musical-Company des TfN hat sich mit „Side Show“ eines Broadway-Stückes angenommen, das 1997 uraufgeführt wurde, immerhin vier Tony-Nominierungen einheimsen konnte, dann aber auch rasch in der Versenkung verschwand. Das von Bill Russel und Henry Krieger geschriebene Stück bedient sich bei der wahren Geschichte der siamesischen Zwillinge Daisy und Violet Hilton, die in den dreißiger Jahren zu Vaudeville- und Showstars aufgebaut wurden, in Hollywoodfilmen auftraten und schließlich verarmt und vergessen starben. Eine grausame Geschichte, die von der Gier nach Publicity handelt, von Ausbeutung und Sensationslust – und von der Sehnsucht nach der ganz großen Show, der „Show ihres Lebens“, wie es dann in Christian Gundlachs (oft holpriger) deutscher Textfassung heißt.

Hierfür spielt das Orchester des TfN unter der Leitung von Leif Klinkhardt einen mitreißenden Mix aus peitschend moderner Broadway-Rhythmik und nostalgischen Show-Tunes – und klingt, mit üppigem Blech und schmeichelnden Streichern, immer erstklassig. Weil es ums Theater auf dem Theater geht, können Regisseur Craig Simmons, Ausstatter Manfred Breitenfelder und Choreografin Jacqueline Dunnley-Wendt aus dem Vollen schöpfen: Auf eine zügellose und schäbige Freakshow folgt ein Vaudeville-Auftritt in herrlich simpler Ägypten-Kulisse aus Pappe. Beim nächsten Karriereschritt werden die Zwillinge dann schon zwischen gigantischen Vorhängen in einer goldenen Voliere vom Schnürboden gelassen.

Die Männer, die die Zwillinge ausnutzen (Frank Brunet und Jens Plewinski), bleiben meistens an der quirlig-naiven Oberfläche ihrer Rollen. Dafür gibt Jonas Hein mit kraftvoller Stimme den schwarzen Begleiter und wird vom applaudierenden Publikum geradezu auf Händen durch den Abend getragen.

Aber der Grund, warum man sich diese anrührende, straff inszenierte und knapp dreistündige Show nicht entgehen lassen sollte, sind die Zwillinge selbst: Navina Heyne lässt ihre charakteristisch metallische Musicalstimme erstrahlen, während neben ihr Regine Sturm ganz eigenes Format gewinnt. Eigentlich gehört die Sopranistin zum Opernensemble des TfN (wo sie in „La Bohème“ und der Operette „Glückliche Reise“ bereits mit Grazie, Humor und Stimme ganze Abende gerettet hat). Hier demonstriert sie nun, dass sie auch das Musicaltimbre beherrscht. Ihre schauspielerische Leistung ist berückend – und beide Schwestern singen am Ende ihre Durchhaltenummer „Ich bleib immer bei dir“ mit einer tragischen Verbitterung, die einem durch und durch geht. Selten haben sich Musical und seriöse Charaktererkundung so gut vertragen wie hier. Diese mit Standing Ovations gefeierte deutschsprachige Erstaufführung ist damit auch ein Beweis dafür, dass das Genre nicht nur Pophits und Zeichentrickfilme recyceln muss. Es kann wehtun, von Menschen handeln und der Wahrheit.

Am 18. Februar wieder im TfN in Hildesheim, am 10. und 13. März im Theater am Aegi in Hannover.