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00:15 24.02.2014
Schwarzes Treiben: Albrecht Hirche inszeniert „The Black Rider“ am Ballhof. Quelle: Schauspiel Hannover
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Hannover

Vor fast einem Vierteljahrhundert hatte im Hamburger Thalia Theater ein Stück Premiere, das ganz anders war. Es war ganz leicht und gleichzeitig ganz schwer, ganz entfesselt und doch ganz formbewusst, witzig und entsetzlich, artifiziell, großformatig und albern, es war Revue und Kabarett, Zirkus, Schauspiel und große Oper. Wer damals „The Black Rider“ von Tom Waits (Songs), William S. Burroughs (Texte) und Robert Wilson (Regie) gesehen hatte, ahnte, dass man diese Produktion später einmal legendär nennen würde.

Und so war es dann auch. Die Schauspieloper, die auf der Volkssage vom „Freischütz“ basiert, war ein gigantischer Erfolg. Das Stück wurde an vielen deutschen Bühnen nachgespielt. In Hannover war „Black Rider“ vor 15 Jahren in einer Inszenierung von Hartmut Wickert zu sehen, natürlich im Großen Haus. Jetzt steht es in der Stadt wieder auf dem Programm, aber diesmal wird es auf der kleineren Bühne im Ballhof gespielt.

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Hier ist die Kinder- und Jugentheaterabteilung des Schauspiels zu Hause. Für Kinder und Jugendliche eignet sich dieser „Black Rider“ allerdings kaum. Denn um dieser Version der Geschichte vom verliebten Schreiber Wilhelm, der einen Teufelspakt eingeht, einigermaßen folgen zu können, sollte man das Singspiel schon mal woanders gesehen haben. Und um ein gewisses Grundverständnis für die wundersamen Kostüme aufbringen zu können, sollte man vielleicht auch zwei bis drei andere Arbeiten von Albrecht Hirche kennen, der hier (wie sonst meist auch) nicht nur für die Regie, sondern auch für die Bühne und die Kostüme zuständig ist.

Die Darsteller müssen allerhand Folklore über die Bühne schleppen: sie tragen Lederhosen, orangefarbene, vielfach verzierte Bademäntel und merkwürdig geformte Filzmützen. Finnen, Lappen oder Samen pflegen sich auf Folklorefesten in dieser Art zu kleiden. Allerdings dezenter. Auch sind ihre Gesichter nicht so grell geschminkt.

Albrecht Hirche hegt eine gewisse Sympathie für derartige Folklore – und für Theater, das sich selbst zum Thema macht. Als er noch die freie Theatergruppe „Theater Mahagoni“ leitete, brachte er einmal ein Stück mit dem Titel „Bad Actors“ heraus. Jetzt spielt er zwar mit hervorragenden Schauspielern – aber er sucht doch immer noch das alte, vielleicht ein bisschen schäbig gewordene Theater. Seine Idee: die Zuschauer im Ballhof sehen das Spiel nur von einer Seitenbühne aus; der eigentliche Adressat, das imaginäre Publikum eines großen, alten Theaters, befindet sich rechts von der Ballhofbühne. Da ist zwar nur eine schmale Tür, aber für die Imagination reicht das aus.So spielen die Schauspieler vorzugsweise nach rechts. Von dort scheint grelles Licht auf die Bühne und dort brandet manchmal stürmischer Applaus auf.

Das Ballhofpublikum auf der behaupteten Seitenbühne kann so auch das sehen, was sonst nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Diese Seiteneinstiegsidee ist nicht schlecht, aber es kostet durchaus Mühe, die Behauptung eindreiviertel Stunden lang aufrecht zu erhalten.
Mit der Finnen-Samen-Lappenfolklore und dem Inhalt des Stückes passt die Behauptung vom großen alten Theater recht gut zusammen. Jedenfalls theoretisch.

Denn alles soll sich in der Beschwörung treffen. Wie das schamanistische Ritual, wie teuflische Magie soll auch das Theater – wenn es gelingt – ganz unmittelbar wirken. Es soll verzaubern und verwandeln. Wenn der wunderbar lässige Schauspieler Thomas Mehlhorn als Impresario durch die Zuschauerreihen geht, Besuchern die Hand auf die Schultern legt und zu genauem  Hinschauen auffordert, dann ist man immerhin nah dran am magischen Theater. Und wenn die bunt kostümierten Schauspieler wie bei einem Ritual im Kreis auf dem Boden sitzen, auch. Auch die gigantische Kugelbahn, die rund um das Spielgeschehen aufgebaut ist, erzählt von der Unentrinnbarkeit des Schicksals und evoziert eine ganz eigene Wirklichkeit.

Doch immer wieder wird es albern. Und laut. Und die Schamanen sind doch nur Sänger in Bademänteln. Immerhin: Einige von ihnen klingen richtig gut: Günther Harder als Wilhelm, Johanna Bantzer als Käthchen, Rainer Süßmilch als Jäger und Sandro Tajouri als Teufel singen mit Verve und Volumen. Wolf Bachofner, der hier Käthchens Vater spielt, begnügt sich mit einer Art Sprechgesang, was aber nicht weiter stört. Schön, den Schauspieler, der hier früher zum Ensemble gehörte, mal wieder in Hannover auf der Bühne zu sehen.

Die Damenband (Szilvia Csaranko, Doris Kleemeyer, Sigrun Krüger und Kathrin Zolnhofer), die von den musizierenden Schauspielern Rainer Süßmilch und Sandro Tajouri unterstützt wird, liefert einen feurig folkloristischen Soundtrack. Ganz weit weg von Tom Waits ist das nicht, allerdings ist „Black Rider“ eher eine traurige Novembergeschichte und klingt sonst meist kühler, trauriger und weniger nach Balkanfolklore.

Bei viel gespielten Stücken ist der Impuls, das alles jetzt mal ganz anders zu machen, verständlich. Regisseur Albrecht Hirche ist es gelungen, eine andere Perspektive zu eröffnen – allerdings nicht auf das Stück, sondern auf das Theater. Er will viel. Magisches Theater ist ein großes Ziel. Man erreicht es kaum. Und selten mit Fülle. Mit Überfülle nie. Das ist Hirches Problem.

Der Beifall war freundlich. Die einstudierte Zugabe, bei der die Darsteller einen wilden Handtuchtanz aufführten (mit dem Regisseur, der ungestüm seine langen Haare kreisen ließ), zeigte, dass die man wohl deutlich mehr Begeisterung beim Publikum erwartet hatte.

Wieder am 22.Februar, 1., 16. und 23. März. Karten: (05 11) 99 99 11 11

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