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Kultur „The Dark Knight Rises“ ist erschreckend aktuell
Nachrichten Kultur „The Dark Knight Rises“ ist erschreckend aktuell
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13:33 05.08.2012
Von Stefan Stosch
Es ist schwer, ihn unbeschwert zu sehen: Doch der neue „Batman“-Film verdient es, als Kunstwerk gewürdigt zu werden. Quelle: Warner Bros.
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Hannover

In 3000 US-Kinos startete Christopher NolansThe Dark Knight Rises“. In einem davon fand ein Blutbad statt. Nun kommt der Film in die deutschen Kinos. Dieser Blockbuster ist erschreckend aktuell - und hat es verdient, dass er auch als Filmkunstwerk gewürdigt wird.

Bruce Wayne hat Kniebeschwerden. Besser kein „Heli-Skiing“ mehr, sagt der Arzt und spricht von schlimmen Knorpelschäden. Ein Skiwochenende hatte Wayne, der ja auch der Fledermaus-Rächer Batman ist und immer mal wieder Gotham City vor dem Untergang rettet, sowieso nicht geplant. Vor acht Jahren zog sich der humpelnde Wayne ins Herrenhaus zurück, damals wurde Batman als vermeintlicher Mörder gebrandmarkt. Bei diesem Mann ist tief drin mehr kaputt als nur das Kniegelenk.

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Aber ein Superheld mit schmerzenden Knochen: Wo gibt es denn so was? Regisseur Christopher Nolan treibt dem Fledermaus-Mann - der 1939 als Alternative zu Superman geboren wurde - seine Comic-Attitüden aus. Der schwarze Ritter wird in „The Dark Knight Rises“ zum schmerzgeplagten Kriegsversehrten. Die Zeit für Superhelden läuft ab.

Aber dann muss Batman doch noch mal ran - mit Hightech-Kniegelenk-Manschette, gefertigt von Tüftler Lucius Fox (Morgan Freeman). Gotham City, mit knallharter „Zero Tolerance“-Politik freigeräumt von Verbrechern wie einst Manhattan, ist wieder in Gefahr.

Mit dem Film „The Dark Knight Rises“ bringt Regisseur Christopher Nolan den letzten Teil seiner Batman-Trilogie auf die Leinwand.

Ein falscher Prophet ist in Gotham eingezogen. Bane heißt er und verspricht, die Reichen abzustrafen. Der Muskelmann mit Hannibal-Lecter-Gedächtnismaske ist die muskelbepackte Perversion der Occupy-Bewegung. Er hetzt die Armen gegen die Vermögenden auf. Er zettelt Standgerichte an und nimmt eine ganze Stadt als Geisel. Er lässt die sonst so coolen Finanzjongleure bibbern. Auf Mitleid können sie nicht hoffen. Wie nebenbei baut der Regisseur solche Verweise auf die Wirklichkeit in sein Popcorn-Kino ein - das gerade dadurch als Phantasiegeburt erkennbar bleibt. „The Dark Knight Rises“ ist erschreckend aktuell durch das, was auf der Leinwand geschieht.

Und trotzdem: Braucht der Kinozuschauer Batman, bloß weil Gotham City Batman braucht? Man verliert doch sowieso schon den Überblick, welcher Superheld sich gerade in welcher Produktionsschleife befindet. Superman, Spider-Man, The Avengers und wie sie alle heißen, werden vorgeführt wie neue Automodelle. Angeblich handelt es sich stets um Sensationen, aber tatsächlich lassen sich die Produkte kaum mehr auseinanderhalten.

Im Hollywood-Kino ist das oft genauso. Aber nicht in diesem Fall. Wayne, zum dritten Mal gespielt von Christian Bale, hat mehr Charakter als seine zahllosen Heldenkollegen. Das Batman-Kostüm ist für ihn zum Fluch geworden, die Tarnexistenz hat seinen Lebenswillen als Multimilliardär Bruce Wayne aufgezehrt. Er wird von Todessehnsucht geplagt.

Das Update ist das Verdienst von Nolan, dem Independent-Regisseur („Memento“), der zur Verwunderung vieler vor acht Jahren dieses Hollywood-Franchise übernahm und mit langem Atem zu seiner Sache machte. Ein Autorenfilmer mischt das Mainstreamkino auf. Schon mit dem Gedankenthriller „Inception“ (2010) bewies Nolan, dass Blockbuster-Filme immer noch überraschen können.

In „Batman Begins“ (2005) drang Nolan zu den Urängsten seines Helden und zu denen von uns allen vor. In „The Dark Knight“ (2008) stellte er ihm einen Anarchisten-Clown gegenüber, dem es allein ums Chaos ging. Der Joker mit den aufgeschlitzten Mundwinkeln, gespielt vom inzwischen verstorbenen Heath Ledger, war der größte Spezialeffekt in dem düsteren Terroristenspuk.

Die schwierige Nachfolge als Oberbösewicht hat nun Tom Hardy (schon bei „Inception“ dabei) angetreten. Das ist ein nüchternerer, aber überzeugender Schurke: Hardy spielt den Muskelmann Bane mit intelligenter Brutalität. Wenn er einem Gegner die Kehle zudrückt, dann mit Kalkül. Der Mann mit der metallisch klingenden Stimme schwingt sich auf zum Volkstribun, der das Volk in den Abgrund führen will.

Konzessionen ans Blockbuster-Kino muss auch Nolan machen. Über den zerfurchten Polizeichef Jim Gordon (Gary Oldman) und den stur-treuen Butler Alfred (Michael Caine) streut er nervige Verweise auf den Beginn der Trilogie ein, zwischendurch verliert er sich in Nebenkriegsschauplätzen. Ein gutes Weilchen braucht es, um die Frauen im „Batman“-Universum, die Catwoman-Diebin (Anne Hathaway, vor 20 Jahren übernahm Michelle Pfeiffer diesen Job) und die undurchsichtige Menschenfreundin (Marion Cotillard), sinnvoll zu verorten. Und der junge Polizist (Joseph Gordon-Levitt) stiehlt Batman gelegentlich beinahe die Schau.

Dennoch verfliegen die 164 Kinominuten schnell. Die Geschichte - endzeitmäßig aufgeputscht durch Hans Zimmers Musik - geht eben nicht in Computergedöns und Schnittgewitter unter. Der Terror auf der Leinwand bleibt greifbar: Erst singt ein lieblicher Knabe die US-Nationalhymne im Footballstadion von Gotham, dann tut sich auf dem Sportfeld die Erde auf und verschlingt die Spieler. Für Amerikaner muss schon dieser Anblick der Apokalypse gleichkommen.

Nach dieser spektakulären Trilogie wünscht man Bruce Wayne, dass er sein Fledermaus-Kostüm erst mal an den Haken hängen darf. Und man wünscht Nolans Film, dass man ihn irgendwann einfach als Film wahrnehmen kann. In Hollywood wird angeblich bereits an der nächsten Fledermaus-Version gefeilt.

Vom 26. Juli an im Kino. 

Rainer Wagner 29.07.2012
26.07.2012
26.07.2012