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„The Dead Don’t Die“: Zombies lieben Chardonnay

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06:00 09.06.2019
Kennt sich bestens aus mit Zombies: Tilda Swinton mit Samurai-Schwert. Quelle: Focus Features
Hannover

Woran erkennt man einen Zombie? Ein Zombie starrt auf das leuchtende Display seines Handys, torkelt durch die Nacht und sucht nach einer zuverlässigen Internetverbindung.

Jedenfalls tun das Zombies in „The Dead Don‘t Die“: Ganze Kohorten von diesen Gestalten sind unterwegs in Jim Jarmuschs apokalyptischer Komödie, sobald sie erst einmal auf dem lauschigen Friedhof der 723-Seelen-Gemeinde Centerville aus ihren Gräbern geklettert sind.

Aber Moment, ein sogenannter Smombie verhält sich ebenso. In Deutschland ist dieser Begriff bereits 2015 zum „Jugendwort des Jahres“ erkoren worden, und bei Jarmusch muss man unwillkürlich dran denken. Die Bezeichnung setzt sich aus „Smartphone“ und „Zombie“ zusammen und meint Menschen, die durch den ständigen Blick auf ihr Smartphone so stark abgelenkt sind, dass sie ihre Umgebung kaum mehr wahrnehmen und dann vors Auto rennen.

Interessiert sich Jarmusch für Politisches?

Wer hätte das gedacht, dass der in seiner ganz eigenen Humorwelt aufgehobene US-Regisseur Jim Jarmusch mal mit solchen trendigen soziologischen Phänomenen spielen würde? Und kann es tatsächlich sein, dass er sich jetzt auch für Politisches interessiert?

Ein unsympathischer Hinterwäldler (Steve Buscemi) trägt hier eine Kappe mit der absurden Aufschrift „Make America White Again“. Das erinnert an einen anderen real existierenden Kappenträger in den USA.

Schuld ist das „Polar-Fracking“

Als Forscher in diesem Film bestätigen, dass die Erdrotation beim „Polar-Fracking“, einer neuen, wohl ziemlich brutalen Form der Energiegewinnung, aus dem Gleichgewicht geraten ist und womöglich am Zombie-Aufstand schuld sein könnte, wollen die Bürger Centervilles das nicht akzeptieren. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor.

Jarmusch hat schon immer Genre-Filme gedreht, die nicht dem Genre entsprechen, den Western „Dead Man“, die Samurai-Geschichte „Ghost Dog“ oder den Vampir-Film „Only Lovers Left Alive“. Aber solche demonstrativen politischen Einsprengsel wie in „The Dead Don`t Die“ gab es da nicht.

Ganz klar in Cannes: Ein „Anti-Trump-Film“

Hier sind Zombies vom Konsumismus beherrschte Wesen, die mal nach Kaffee, mal nach Chardonnay oder eben nach dem Internat gieren. Sie benehmen sich nicht so viel anders als zu ihren Lebzeiten. Tja, womöglich benehmen sie sich auch gar nicht so viel anders als wir alle.

Bei der Premiere in Cannes firmierte Jarmuschs Zombie-Komödie schnell als „Anti-Trump-Film“. Besonders außerhalb der USA kann man sich da der Sympathie der Zuschauer sicher sein. Die Frage ist nur, wohin diese Geschichte führen soll.

Cool sind Bill Murray und Tilda Swinton allemal

Hier nehmen die Dorfpolizisten Cliff Robertson (Bill Murray) und Ronnie Peterson (Adam Driver) die Ermittlungen auf: Die ersten halb aufgefressenen Toten sind zu beklagen. Die Cops tun das mit einer solchen Ungerührtheit, als hätten sie sich die Nächte zuvor sämtliche Filme des Horrorkino-Pioniers George A. Romero („Die Nacht der lebenden Toten“) reingezogen. Nichts kann sie mehr schrecken. Zombies gehören zu ihrem Leben wie die Donuts aus dem Diner, an dem sie täglich vorbeifahren.

Coolness hat schon immer Jarmuschs Kinohelden ausgezeichnet. Mit einer solchen Arbeitsauffassung aber können die Cops der Lage kaum Herr werden – und die schottische Betreiberin des örtlichen Bestattungsunternehmens allein ist auch machtlos: Tilda Swinton schwingt elegant ihr Samurai-Schwert und rasiert Köpfe von Körpern ab, aus denen aber kein Blut quillt, sondern eine Art staubige Asche.

Iggy Pop musste sich nicht groß verkleiden

Je länger diese Komödie dauert, desto weniger scheint der Regisseur einen Ausweg aus seiner eigenen Geschichte zu finden. Die Witze verläppern sich mehr und mehr. Da hilft nicht einmal ein Iggy Pop, der als wirklich überzeugender Zombie Gastauftritte hat und sich gar nicht groß verkleiden musste (noch ein Abgesandter aus der Musik ist dabei: Tom Waits gibt einen Einsiedler, der das Geschehen aus der Distanz beobachtet).

Gänzlich skurril wird das Ganze, als Jarmusch seinem Filmpersonal erlaubt, die Handlung zu kommentieren: „Ich glaube, das wird ein schlimmes Ende nehmen“, sagt Petersen ein ums andere Mal. Woher er das denn wisse, fragt Robertson. Und Petersen antwortet: Ich kenne das Ende des Drehbuchs. Den Titelsong kennt er übrigens auch: Er heißt The Dead Don’t Die“ von Sturgill Simpson, dudelt dauernd im Autoradio und nervt irgendwann so sehr, dass Robertsen die DVD aus dem Fenster pfeffert.

Jarmusch hat sich mit diesem simpel gestrickten Film einen netten Ulk gemacht. Aber das war es dann auch.

„The Dead Don’t Die“, Regie: Jim Jarmusch, mit Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, 103 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch

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