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Kultur „The Homemaker“ glänzt in Hannover
Nachrichten Kultur „The Homemaker“ glänzt in Hannover
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15:02 17.05.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Das jüngste Gericht kann auch eine Fischplatte sein: Hausfrau Rebecca (Katja Gaudard) hat den Wal. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Der amerikanische Traum ist auch der Traum von der intakten Familie. In „Tod eines Handlungsreisenden“ hat der amerikanische Dramatiker und Drehbuchautor Arthur Miller den Zerfall und das Ende einer amerikanischen Familie beschrieben. Das war im Jahr 1949. Nun taucht ein junger amerikanischer Dramatiker und Drehbuchautor auf uns schreibt Arthur Miller weiter. Aber ganz anders. Spiegelverkehrt. Nicht als Melodram, sondern als Groteske.

In Noah Haidles „The Homemaker“ ist die Familie bereits auseinandergefallen, wenn das Stück beginnt. Der Vater ist verschwunden (sein Glück suchen), der Sohn ist ihm gefolgt (seinen Vater suchen). Jetzt sehen wir Rebecca, wie sie am Herd steht und eine Flunder brät. Für eine Familie, die nicht mehr da ist. Vor ein paar Minuten hat sich ihre Tochter Rachel zum Abschlussball verabschiedet. Freundin Gladys von nebenan leistet Rebecca zwar einen Moment lang Gesellschaft, ist aber etwas unkonzentriert, weil sie gerade ihren Mann erstochen hat. Sie leiht sich von Rebecca das doppelläufige Gewehr und erschießt sich im Bad.

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Und dann - kaum zu glauben, aber im Theater eben doch möglich - geht es mit dem Zerfall der Familie erst richtig los. Noah Haidle hat ein ganz erstaunliches Stück geschrieben. Es ist absurdes Theater, Groteske, Splattermovie, Stationendrama, naturalistisches Küchenkammerspiel, Psychodram, Kirchentheater und Musical. Und zwar oft alles gleichzeitig. Es ist sehr kurzweilig, aber auch von erheblicher Tiefe. Es vermag beim Zuschauer etwas auszulösen. Man denkt über das Leben nach und über die Familie, über das Aufopfern für andere und über Einsamkeit.

Noah Haidle lebt und arbeitet in den USA, seine Theaterstücke aber werden gern in Deutschland aufgeführt. Die Uraufführung von „The Homemaker (Alles muss glänzen)“ hat sich das Schauspiel Hannover gesichert. Man hätte das Stück wohl auch auf einer kleineren Nebenbühne spielen können, mit Projektionen und viel Nebentexterzählerei, sodass die drastischen Szenen - die Flut strömt in die Küche, ein Walfisch mit dem verlorenen Sohn im Bauch taucht auf, ein Hai zerfleischt den Abschlussballbegleiter - vor allem in der Fantasie der Zuschauer entstehen. So macht man es aber nicht. Am Schauspiel Hannover hat man sich für die große Bühne entschieden und dafür, alles zu zeigen.

Wenn sich die Nachbarin die Kugel gibt, spritzt das Blut meterweit an den Spiegel, und der verschwundene Sohn wird mit einem beherzten Messerritz aus dem Bauch des Walfischs befreit. Die großartige Bühne von Florian Etti, die erst den Küchenrealismus bedient, überrascht im Laufe der Spielzeit von einer Stunde und 45 Minuten mit wundersamen Verwandlungen und hilft sehr dabei, auch das Verrückteste zu zeigen. Regisseurin Anna Bergmann setzt auf Schauwerte und Tempo und Musik. Einmal lässt sie auch ein fulminantes Hausfrauenballett antanzen. Der Gesang kommt nicht nur (wie im Stück vorgesehen) aus dem Radio, sondern live von den Darstellern (deren gesangliche Qualitäten recht unterschiedlich sind).

Bilder der Uraufführung von „The Homemaker (Alles muss glänzen)“ am Schauspiel Hannover.

Im Zentrum steht eine Frau. Katja Gaudard als Rebecca ist die gesamte Zeit über auf der Bühne anwesend. Wenn sie nicht spricht, dann tanzt sie. Wenn sie nicht tanzt, dann kämpft sie. Wir sehen eine Frau, die verzweifelt (und manchmal erstaunlich vergnügt) versucht, ein Heim aufrechtzuerhalten, das keines mehr ist. Sie will Zentrum von etwas sein, das längst nicht mehr existiert. Der Schrecken ist ihr immer ins Gesicht gemalt, aber das Gesicht ist perfekt geschminkt und lächelt. Gaudard verleiht ihrem Spiel etwas - nie zu viel - Puppen- und Automatenhaftes und damit eine Spur Unzerstörbarkeit.

Service

Weitere Vorstellungen am 19., 22. und 30. Mai, sowie am 8 Juni.

Oft verfällt sie in den Plapperton freundlicher Konversation, um über das Schreckliche hinwegzureden. Sie sieht zwar aus, wie eine amerikanische Hausfrau aus den sechziger Jahren (Kostüme: Claudia Gonzáles Espíndola), wirkt aber wie von heute. Und kommt uns sehr nahe. Eine starke Frau. Eine starke Vorstellung.

Ihre Mitspieler (Bea Brocks als Tochter, Lisa Natalie Arnold als Nachbarin, Philippe Goos als Sohn, Oscar Olivo als Zeuge Jehovas und Christoph Müller als Ehemann) haben immer nur kurze Auftritte - es ist als umkreisten sie einen strahlenden Stern, der kurz davor ist, in einer gigantischen Explosion zu verlöschen.

The Homemaker ist ein verblüffend unterhaltsames Endspiel, das großartigen Schauspielern die Möglichkeit gibt, großartig zu agieren, das starke Regieeinfälle nicht unbedingt braucht, aber gut verträgt, und das gleichermaßen zu unterhalten wie zu berühren vermag.

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