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Kultur Ein später Sieg für Blur
Nachrichten Kultur Ein später Sieg für Blur
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19:41 22.04.2015
Älter geworden, besser geworden: Blur.
Älter geworden, besser geworden: Blur. Quelle: Linda Bronwlee
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Hannover

Mitunter hatten die Musiker von Blur die Sportarten verwechselt: Sie glaubten, man müsse nur zum richtigen Friseur und englischen Humor (beziehungsweise eine Dose Baked Beans) in ihre Videos kippen, dann werde das schon was mit einem Sieg im Britpop. Nein, das wurde nichts, weil die Gegner halt Oasis hießen. Die Brüder Gallagher kämpften nicht mit feiner Klinge, sondern mit Bierkrügen, sie sangen Lieder, die sie aus Beatles-Melodien zusammenpuzzelten. Irgendwann wünschten sie Blur den HIV-Virus an den Hals, doch das war eher versoffene Folklore als niedere Gesinnung. Oasis schrieben Melodien, zu denen man in jeder Kneipe weinen oder tanzen konnte. Blur schrieben Lieder, die man an Hochschulen goutierte. Oder an einem Sonntagnachmittag in London, kurz vor dem Windhundrennen. Oasis waren - in ihren frühen Jahren - genial, Blur waren Streber mit Hang zur Albernheit.

Nach 16 Jahren Pause bringen Blur jetzt mit „The Magic Whip“ ein neues Album in Originalbesetzung heraus; auf „Think Tank“ von 2003 fehlte Gitarrist Graham Coxon. Man könnte fragen: Interessiert das jemanden? Die Antwort lautet: Ja, es interessiert jeden, der den Pop abseits der Charts ins Herz geschlossen hat. Das liegt an Damon Albarn, dem Sänger und Kopf der Band, ihm gelang eine Solokarriere, die in ihrer Unabhängigkeit und Vielfalt fasziniert. Sucht man jemanden im Rockgeschäft, der integer, eigensinnig und erfolgreich ist, dann ist es Albarn. Gorillaz, The Good, The Bad & The Queen, Weltmusik, Oper und Soloalbum, nichts hat er ausgelassen. Einiges davon war gut. Anderes war sagenhaft.

Das ist kein Britpop mehr

Das neue Blur-Album kann locker konkurrieren mit den Solosachen, es ist letztlich sogar noch eine Spur beseelter. So inspiriert und grunderwachsen, ohne nur für eine Liedhälfte bemüht zu wirken, hat man sich das Comeback nicht auszumalen gewagt. Das ist kein Britpop mehr, es ist die zeitgemäße Nutzung aller Arten von Geräusch, das Verflechten von Beats und Bass, von Gitarre und Gewitter. So fein gesponnen hat sich kein Album von Blur bislang gezeigt. Die Aura der Platte bleibt kühl, ein großes neues Werk liegt vor. Dieses Urteil ist nicht nostalgisch getränkt. Keine Verklärung aus den Neunzigern ist nötig, um sich hinreißen zu lassen von diesem Sound, der die Ironie der frühen Jahre nun perfektioniert und die Exzesse von Graham Coxon, der die Gitarre oft wie einen Mustang hetzt, präzise temperiert.

Die erste Single „Lonesome Street“ kokettiert mit dem alten, schaukelnden Rhythmus von „Country House“, hat aber einen Chor im Nacken, als singe David Bowie seinen Major Tom. Das Stück ist lustiger als jedes Lied aus Albarns Solozeit, auch wenn hier musikalisch nichts riskiert wird. Eine leise instrumentierte Platte ist entstanden, die nicht mit ihren Ambitionen wuchert, und dennoch Ehrgeiz hat. Es gibt ein blubberndes Kinderlied, das langsam seine Schlagzahl steigert („Ice Cream Man“), es gibt Passagen, in denen es klingt, als lege sich ein Cello schlafen („Thought I Was A Spaceman“), dann eine Westerngitarre wie aus einem Tarantino-Film - ein verspieltes Stück Dunkelheit („Mirrorball“).

Man möchte kaum hinüberblicken zu der alten Konkurrenz, den Brüdern Gallagher aus Manchester, die immer noch den Britpop predigen, nicht einmal schlecht, wenn nun auch auf getrennten Wegen. Was Blur hier präsentieren, ist so sehr 21. Jahrhundert, dass man Oasis im Vergleich als Band aus einer anderen Zeit abtut - auch wenn es die „gute alte Zeit“ gewesen sein mag, die im Rückblick mit jedem Jahr glücklicher wirkt. Blur treffen den Ton dieser Tage, auch wenn man ab und zu im Hintergrund das Pendeln einer Abrissbirne hört. Die Band macht sich nun endlich mal die Finger schmutzig.

Von Lars Grote

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