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Kultur „The Messenger“: Woody Harrelson im Einsatz an der Heimatfront
Nachrichten Kultur „The Messenger“: Woody Harrelson im Einsatz an der Heimatfront
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19:32 02.06.2010
Von Stefan Stosch
Unterwegs zum nächsten Einsatz: Stone (Woody Harrelson, links) und Montgomery (Ben Foster). Quelle: Senator
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Kein einziger Schuss fällt in diesem Film. Keine Bombe detoniert. Es fließt auch kein Blut. Und doch ist der Krieg in jeder Szene präsent. Er hat die Heimatfront erreicht: „Wir gehen rein und wieder raus“, sagt Captain Tony Stone (Woody Harrelson) zu seinem neuen Untergebenen Will Montgomery (Ben Foster).

So reden sonst nur Elitetruppen, die sich aufs nächste Feuergefecht vorbereiten. Stone und Montgomery rechnen mit Attacken ganz anderer Art. Ihr Auftrag ist es, Todesnachrichten an die Mütter, Väter, Ehefrauen und Ehemänner der im Irak-Krieg gestorbenen Soldaten zu überbringen. Ihr erster Satz lautet jedes Mal: „Der Verteidigungsminister bedauert zutiefst, Ihnen mitteilen zu müssen…“ Viel weiter kommen sie manchmal gar nicht. Geballter Schmerz brandet ihnen entgegen. Die Empfänger ihrer Nachrichten schreien, schlagen um sich, ein Vater spuckt den beiden ins Gesicht.

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Die beiden haben genaue Vorgaben, niedergelegt in einem dicken Diensthandbuch: kein Körperkontakt mit dem Gegenüber, keine beschönigenden Formulierungen, keine Besuche am frühen Morgen und keine Informationen an irgendjemand anderen, der zufällig die Tür öffnet.

Doch das ganze ausgeklügelte Protokoll versagt, wie in dem Drama des in Israel geborenen und in New York lebenden Regisseurs Oren Moverman zu sehen ist, der selbst vier Jahre lang als Fallschirmspringer in der israelischen Armee diente. Montgomery und Stone mögen noch so sehr die Kieferknochen aufeinanderpressen, ihre Körper in den frisch gebügelten Uniformen aufrichten, die Barette richten und Würde in ihre Stimmen legen. Es gibt kein Prozedere, das für solche Situationen taugt.

Am 3. Juni startet das Kriegsdrama „The Messenger“ mit Woody Harrelson in der Hauptrolle in den deutschen Kinos.

Das Drama „The Messenger“ lief bereits im Februar vorigen Jahres im Berlinale-Wettbewerb und gewann einen Bären fürs Drehbuch. Erst jetzt startet der Film in unseren Kinos. Geschichten über die Ausweitung der Kampfzone sind nicht besonders erfolgreich an der Kasse. Was nicht heißt, dass sie einen kalt lassen würden. Manchmal kommen sie einem sogar näher als ein pyrotechnisch überladener Film aus der Kriegszone im Irak oder anderswo. „The Messenger“ gehört dazu.

Dennoch scheint das Bedürfnis nach solchen Filmen groß zu sein. Einer der besten davon war „Im Tal von Elah“, in dem Tommy Lee Jones seinen in die USA verschwundenen Soldatensohn sucht. Auch im Oscar-Film „The Hurt Locker“ misslingt einem der Soldaten des Bombenräumkommandos die Rückkehr ins zivile Leben.

Inzwischen ist nicht mehr nur das US-Kino abonniert auf Heimkehrerfilme. Bei der Berlinale 2009 lief auch der dänische Beitrag „Little Soldier“ über eine traumatisierte Kämpferin. Ken Loach hat gerade beim Filmfestival von Cannes in „Route Irish“ gezeigt, wie der Irak-Krieg nach Liverpool kommt – die Foltermethode Waterboarding inklusive. Und auch das deutsche Fernsehen reagierte schon darauf, dass Bundeswehrsoldaten am Hindukusch Dienst tun, als die Politik das Problem noch gar nicht erkannt hatte: In der ARD lief bereits Anfang 2009 das Drama „Willkommen zu Hause“ über einen Afghanistan-Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung (mit Ken Duken in der Hauptrolle, dem das gerade laufende Filmfest Emden eine Hommage widmet).

Auch in „The Messenger“ sind die Protagonisten Versehrte. Der junge Montgomery, schwer verwundet und hoch dekoriert im Irak, hatte geglaubt, dem Krieg zu Hause zu entkommen. Er hat sich geirrt. Der Krieg hat sich eingenistet in seinem Land und auch in seinem Kopf. Sein Vorgesetzter Stone – Oberlippenbärtchen, rasierter Schädel, harter Zug um den Mund – ist ein Zyniker, der seine Seele gepanzert hat, um seinen Job durchzustehen. „Wir sind die Todesschwadron“, sagt Stone. Erst ganz allmählich wird offenkundig, wie nah er am Wahnsinn operiert.

Montgomery lässt noch Gefühle zu: Er hält sich irgendwann nicht mehr ans Protokoll und lernt eine Witwe (Samantha Morton) kennen, deren Mann durch eine Sprengladung im Irak starb. Montgomery fährt die Frau nach Hause, er repariert ihr Auto. Dies könnte der Beginn einer ganz normalen Romanze sein.

Aber in diesem Film gibt es keine Normalität. Hier klammern sich zwei aneinander, die jeden Halt verloren haben. Für sie ist der Krieg noch lange nicht vorbei. „The Messenger“ ist eine psychologisch präzise, konzentrierte Studie über das, was der Krieg mit Menschen macht, die vergeblich versuchen, ihn zu verdrängen.

Kein Blut, aber viel Schmerz: Starkes Psychodrama über verwundete Seelen. Cinemaxx Nikolaistraße.

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