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Kultur „The Tourist“ mit Johnny Depp und Angelina Jolie startet im Kino
Nachrichten Kultur „The Tourist“ mit Johnny Depp und Angelina Jolie startet im Kino
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19:20 10.12.2010
Von Stefan Stosch
Für Elise (Angelina Jolie) ist die Welt ein Laufsteg. Quelle: Kinowelt
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Die Erinnerung an Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler ist immer noch wach. In „Das Leben der ­Anderen“ war Wiesler, jedenfalls zu ­Filmbeginn, ein eiskalter Vernehmungsspezialist. Er kannte alle psychologischen Tricks, um Leute zum Reden zu bringen, um sie psychisch zu zerstören – bis er in der Dachkammer über dem regimekritischen Schriftsteller und dessen Frau hockte und Mitleid mit den Bespitzelten entwickelte. Der Geheimdienstler war dem Leben der anderen in Florian Henckel von Donnersmarcks gefeiertem Oscar-Film zu nahe gekommen. Seine Gefährlichkeit hatte Wiesler, brillant gespielt vom inzwischen verstorbenen Ulrich Mühe, aber schon zuvor gezeigt. So schnell vergisst man diesen Menschenfeind nicht.

In Donnersmarcks neuem Film „The Tourist“ gibt es wieder eine Vernehmungsszene. Ein venezianischer Commissario nimmt sich einen Verdächtigen vor, der barfuß im Pyjama über die Dächer der Lagunenstadt gestolpert ist, verfolgt von zwei russischen Killern, wie der Mann behauptet. Von amerikanischen Touristen sind die Venezianer allerhand Blödsinn gewohnt. Ein skurriles Gespräch entwickelt sich, und der Commissario überlässt dem Pyjamaträger großzügig seinen Espresso. Das ist keine Finte, sondern eine mitfühlende Geste.

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Diese beiden Vernehmer, den Stasimann und den Commissario, muss man gegeneinanderstellen, dann ahnt man, was Donnersmarck daran gereizt hat, ausgerechnet mit einer romantischen Krimikomödie aus Hollywood nach Deutschland zurückzukehren: Donnersmarck will endlich mal spielen. Er will Spaß. Und vor allem: Er will den Druck loswerden, der seit seinem Oscar-Triumph auf ihm lastet.

Deshalb hat er eine Art Gegenfilm zu „Das Leben der Anderen“ inszeniert – ­einen, wie man ihn in dieser Opulenz nur mit einem Hollywoodbudget hinbekommt. Venedig wird zum romantisch ausgeleuchteten Postkartengruß, die Kamera gleitet durch üppige Suiten und prächtige Palazzi. Der nächtliche Nebel über Venedigs Kanälen wabert geheimnisvoll, wenn Schnellboote bei einer erstaunlich gemächlichen Verfolgungsfahrt unterwegs sind.

Gleich nach seinem Oscar-Sieg 2007 war Donnersmarck in die USA entschwunden, ein junger Regisseur als Überflieger der Saison. Deutschland war ihm nach nur einem Kinofilm – seinem Abschlussfilm an der Münchener Filmhochschule – zu klein geworden. Seitdem wurde sein Name immer wieder mit verschiedenen Projekten in Verbindung gebracht, allein, es wurde nichts draus. Dann geriet er an das Remake des französischen Films „Fluchtpunkt Nizza“.

Das Original ist gerade fünf Jahre alt, mit Sophie Marceau prominent besetzt, ein ordentlicher Thriller. Man braucht nicht unbedingt eine Neuauflage – außer man hat zwei Hauptdarsteller, die Lust darauf haben. Das Traumpaar Angelina Jolie und Johnny Depp ist sich noch nie zuvor auf der Leinwand begegnet und Donnersmarcks Trumpf; ursprünglich sollten Tom Cruise und Charlize Theron in das touristische Abenteuer geschickt werden. Die neue Paarung klingt viel aufregender, aber so richtig funkt es zwischen den beiden nicht.

Die Geschichte selbst ist, vorsichtig gesagt, überschaubar und nicht in jeder Szene schlüssig. Jolie spielt die geheimnisvolle Elise, die auf Weisung ihres untergetauchten Geliebten einen x-beliebigen Fremden im Zug nach Venedig auf­lesen soll. Sie entscheidet sich für den leicht trotteligen Mathematiklehrer Frank (Depp), den späteren Pyjamaträger über den Dächern von Venedig.

Frank ist für Elise nicht mehr als ein Köder, denn ihr Geliebter ist ein Gangster, der sowohl die britische Regierung als auch die russische Mafia um einige Milliarden erleichtert hat. Die Polizei will über Elise an den Großkriminellen herankommen. Elise weiß das. Deshalb verstrickt sie Frank in ein amouröses Abenteuer, das aus kaum mehr als einem heißen Kuss am Fenster besteht. Die Polizei soll vermuten, dass Frank der gesuchte Gangster ist – denn der hat sein Äußeres chirurgisch verändern lassen.

Die offenkundige Parallele zu Donnersmarcks Oscar-Film ist das Über­wachungsthema, vom Regisseur nun mit viel Hightech-Spaß inszeniert. Die Stasileute im Wanzenstaat DDR müssten vor Neid erblassen. Hier muss niemand mühselig Kabel hinter Wohnungstapeten kleben und in Verstecken unter Dielen nach Belastungsmaterial fahnden. Pulks von Geheimagenten werden wie Ballett­tänzer über ihren Knopf im Ohr dirigiert.

Ja, „The Tourist“ hat amüsant-ironische Momente, vor allem dank Depp. Er erinnert in seinen ungelenk-tänzelnden Bewegungen an seinen Piraten Captain Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“. Angelina Jolie darf wie ein Model ihre edle Garderobe wechseln. Ihr Laufsteg ist das Straßenpflaster. Wenn sie als Femme fatale elegant darüberstöckelt, genießt sie sichtlich die männlichen Beobachteraugen in ihrem Rücken. Die Handschuhe zieht sie so verführerisch aus wie einst Rita Hayworth in „Gilda“.

Und doch enttäuscht Donnersmarcks „The Tourist“. Das war nach dem Oscar-Sieg wohl unvermeidlich, aber doch nicht in dem Maße. Der Film ist womöglich nicht einmal ein Befreiungsschlag. Donnersmarck legt sich neue Fesseln an, gerade weil er sich auf gar keinen Fall an seinem gewichtigen Vorgängerwerk messen lassen will. Man sucht vergeblich nach einer eigenen Handschrift, nach etwas, was den Film vor der Belanglosigkeit rettet. Wie es mit der Kinokunst von Florian Henckel von Donnersmarck weitergeht, lässt sich wohl erst nach seinem nächsten Film sagen. Der ist bereits in Planung. Es soll wieder etwas Ernsteres sein.

Ab 16. Dezember im Kino.

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