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Kultur „The Wrestler“: Der Tanzbär
Nachrichten Kultur „The Wrestler“: Der Tanzbär
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16:41 22.02.2009
Von Stefan Stosch
Kämpferherz: Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke) ist „The Wrestler“. Quelle: Kinowelt
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Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Vorne im Saal schwadroniert eine Lautsprecherstimme von Kämpfen und Siegen, von „historischen Momenten“ in der Geschichte des Wrestlings, und hinten in der vermüllten Umkleide sitzt einer der besungenen Helden mit schmerzenden Knochen und blutenden Wunden.

Randy „The Ram“ Robinson heißt er. In den Achtzigern war er ein ganz Großer im Ring. Aber das ist 20 Jahre her. Jetzt ist Randy ein menschliches Wrack, das mit Schmerz- und Dopingpillen seine Auftritte in heruntergekommenen Hallen durchsteht – und doch seinen Job immer noch liebt.

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Randy wird gespielt von Mickey Rourke, aber vielleicht verhält es sich auch noch ganz anders: Vielleicht spielt Mickey Rourke auch Mickey Rourke. Bevor Hollywood Rourke entdeckte, arbeitete er als Straßenverkäufer und Rausschmeißer in Transvestitenklubs. In den Achtzigern stieg er auf zum gefeierten Star in Filmen wie „Year of the Dragon“, „9 1/2 Wochen“ und „Angel Heart“. Dann musste er sich notgedrungen aus Hollywood verabschieden: Der Exzentriker hatte sich mit zu vielen Produzenten angelegt und sich zu oft in zwielichtiger Gesellschaft gezeigt.

Von nun an schlug sich Rourke als Profiboxer durch. Die Neunziger waren für ihn eine Zeit der Selbstzerstörung, der körperlichen und psychischen Exzesse: Drogen, Alkohol, eine Anklage wegen Misshandlung seiner Ehefrau. Hollywood schien für ihn nur eine Zwischenbeschäftigung gewesen zu sein.

Doch jetzt ist Rourke zurück auf der Leinwand, zwar nicht als Boxer, aber doch als „The Wrestler“ mit blond gefärbter Mähne, zerschlagenem Gesicht und immer noch ansehnlichen Muskelbergen. Der Wrestler Randy ist eine Kampf-Blondine – seine Haare lässt er sich beim Friseur nachfärben, im Sonnenstudio ist er Stammgast. Doch kann der harte Kämpfer auch ganz zärtlich sein: Vor und nach den genau abgesprochenen Showeinlagen umarmen sich die Gegner wie alte Familienangehörige.

Mit dieser Performance hat Rourke bereits den Golden Globe als bester Darsteller gewonnen. Wenn nicht alles täuscht, dürfte in der Nacht zu Montag der Oscar folgen.

Im Film von Regisseur Darren Aronofsky spielt Rourke die Rolle seines Lebens. Bei all den Prügeln, Würgegriffen, Verletzungen fragt sich der Zuschauer beständig, welche Schläge Rourke tatsächlich hat einstecken müssen, um als Randy „The Ram“ zu brillieren. Die Stunts übernahm Rourke weitgehend selbst.
Sein Held Randy muss einen Preis für seinen Einsatz im Ring zahlen: Nach einem brutalen Kampf mit ungewöhnlichen Waffen – Tackerklammern und Glasscheiben – erleidet er einen Herzinfarkt. Erst muss er sich einer Bypassoperation unterziehen und dann seine Wrestlerkarriere an den Nagel hängen.

Verzweifelt sucht er nach Halt. Da ist die Stripteasetänzerin Cassidy (Marisa Tomei), die ebensowie er ihren Körper zu Markte trägt und in der er eine Seelenverwandte entdeckt. Und da ist seine erwachsene Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood), um die er sich all die Jahre nicht gekümmert hat. Gibt es für ihn ein Leben außerhalb des Rings?

Randy nimmt einen Job hinter der Fleischtheke im Supermarkt an. Aber auch mit Kittelschürze und Plastikhaarnetz kommt er nicht los von seiner Vergangenheit. Wenn er den Plastikvorhang der Supermarkttür beiseiteschiebt, dann brandet in seinem Kopf imaginärer Applaus auf. Randy wirft Kunden den Wurstsalat über den Tresen zu wie bei einer Sport-Liveübertragung, und er bezirzt alte Damen. Für einen wie ihn hört die Show niemals auf. Randy ist ein alter Tanzbär. Er hat nie etwas anderes gelernt, als sich zum Knall der Peitsche im Kreis zu drehen. Und wenn dem Publikum die Darbietung nicht genügt, dann tut er, was er auch im Ring tat: Er erhöht den Blutzoll. In diesem Fall heißt das, dass er seine Hand in die Wurstmaschine steckt.

Für einen Schmerzensmann wie ihn – der Film spielt überdeutlich mit Erlösermotiven, und blutende Wunden hat Randy ja genug – gibt es wenig Hoffnung. Die winterkalten, oft düsteren Bilder, die Regisseur Aronofsky („The Fountain“) gefunden hat, verstärken die Einsamkeit des Wrestlers noch. Einer wie Randy kann nur kämpfen oder untergehen. Da unterscheidet sich Randys Leben – glücklicherweise – doch von dem von Mickey Rourke.

Von Donnerstag an im Kino.

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