Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Faust“, das ist es!
Nachrichten Kultur „Faust“, das ist es!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:05 06.11.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Dieter Hufschmidt im Gespräch mit der HAZ.
Dieter Hufschmidt im Gespräch mit der HAZ. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige
Hannover

Herr Hufschmidt, Sie lesen den „Faust“ ...
Nein! Ich lese den „Faust“ nicht.

Sie spielen den „Faust“?
Nein, auch nicht.

Sie tanzen den „Faust“?
Nein.

Sie singen den „Faust“?
Nein, nun ja: Ich hoffe nicht.

Jetzt verraten Sie schon, was Sie mit Goethes „Faust“ anstellen werden.
Das ist ganz schwer zu sagen. Wissen Sie: Ich habe vor ein paar Wochen einen Wilhelm-Busch-Abend gemacht, an dessen Ende das Publikum - aber das schreiben Sie jetzt bitte nicht - ganz hingerissen war. Die Zuschauer waren vor allem davon beeindruckt, dass ich das ohne Buch gemacht habe. Die Zeitung hat dann von einer „Lesung“ geschrieben. Das hat mich geärgert. Im Grunde gibt es kein deutsches Wort für das, was ich mache.

Service

Dieter Hufschmidt erzählt „Faust“: Die Premiere am 9. November um 18 Uhr im Ballhof 2 ist ausverkauft. Weitere Vorstellungen folgen im Januar.

Was wird denn geschehen?
Ich werde versuchen, dem Publikum zu vermitteln, dass in meinem Kopf seit mehr als 60 Jahren große, mir wesentlich erscheinende Teile von „Faust 1“ vorhanden sind. Dieses Kapital möchte ich nutzbar machen, also werde ich Goethe-Verse von mir geben. Und ich werde auch ein bisschen dazu erzählen. Ich brauche dazu kein Bühnenbild und keine Dekoration. Alles, was ich dazu brauche, sind eine Bühne und ein Licht, das an und ausgeht.

Eine „Faust“-Powerpoint-Präsentation wird’s also nicht geben?
Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie sehr ich Powerpoint hasse. Ich finde, das ist das Ende von jeder Kommunikation. Es macht mich rasend, so einen Vortrag zu erleben. Möglicherweise sind die Hirne heute anders, aber mein Hirn verträgt so etwas nicht. Der Mensch hat nur eine Aufmerksamkeit. Ich bin ein bescheidener Mensch, aber ich bin so anmaßend zu erwarten, dass die Leute mir zuhören, wenn ich den „Faust“ mache.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Goethes „Faust“?
Nicht so reichhaltig, wie man vielleicht erwarten könnte. Vor 20, 25 Jahren haben wir hier mit Regisseur K. D. Schmidt am Haus den „Faust“ gemacht. Ich habe aber nur den halben Faust gespielt. Ich durfte nur den alten „Faust“ geben - bis zur Verjüngung in der Hexenküche. In meinem „Faust“ werde ich übrigens die Hexenküche weglassen.

Und was noch?
Der Osterspaziergang und Auerbachs Keller kommen auch nicht vor. Ich muss mich beschränken auf Szenen mit zwei oder drei Personen. Auerbachs Keller, das könnte leicht Kabarett werden. Und das ist nicht mein Thema.

Wenn Sie den „Faust“ vortragen, müssen sie auch das Gretchen sprechen.
Auch das Gretchen, ja. Wissen Sie, es gibt einige Gründe, die so ein Unternehmen legitimieren können. Der „Faust“ ist ja auch ein Lesedrama. Und meiner Meinung nach kann das Stück in der Vortragsform etwas entfalten, was sonst zu kurz kommt. Hier kann die Sprache zum Hauptakteur werden. Außerdem sind meiner Meinung nach Faust, Mephisto und auch das Gretchen im Grunde nur eine Person. Um diesen Kern der Poesie geht es mir. Und deshalb geniere ich mich überhaupt nicht, die wesentlichen Gretchen-Texte zu sprechen.

Wie sind Sie auf Ihr „Faust“-Projekt gekommen?
Für mich war es eine große Freude, als mir das Schauspiel Hannover angeboten hat, hier mein autobiografisches, sehr persönliches Theaterprojekt „Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest“ herauszubringen. Am Tag nach der Premiere bin ich am Morgen wach geworden, fühlte mich ziemlich gut und dachte: „Na, ja, mein lieber Freund, das war’s dann wohl. Du wirst sicher noch Theater spielen aber so etwas wie das ,Vogelnest’, das wirst du nicht mehr zustande bringen.“ Diese Vorstellung dauerte etwa zwei Minuten, und dann klickte es im Kopf - und ich wusste: „Faust“, das ist es!

Wie sind Sie dann zu Werke gegangen? Haben Sie einen Dramaturgen zurate gezogen?
Nein. Ich habe das alles komplett alleine gemacht. Es ist eine ganz andere Geschichte, wenn sich so ein Theaterprojekt um einen Kern herum schichtet, als wenn man als Schauspieler das Textbuch lernt.

Was werden die Zuschauer ihres „Faust“-Abends mit nach Hause nehmen können, wenn alles so läuft, wie es laufen soll?
Dazu muss ich etwas ausholen: Ich lese ja immer noch Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Diese Lesungen tun mir übrigens wahnsinnig gut. Ich bin danach physisch und psychisch besser dran als vorher. Nach den Musil-Lesungen haben mir viele Menschen - ich glaube, es waren sogar ein bisschen mehr als nach meinen Proust-Lesungen - gesagt, dass der Text durch das Vorlesen einfacher, verständlicher wird. Wissen Sie, es ist ja ein bisschen überzogen, solche Lesungen im Ballhof und nicht im Rahmen eines intimen Studios zu veranstalten. Aber es war genau richtig, die große Bühne dafür zu nehmen. Denn hier liest man nicht vor sich hin, man muss vielmehr zu den Leuten hin- denken.

Hindenken?
Genau darum geht es. Die Zuschauer vollziehen die physische Arbeit des Vorlesenden ein bisschen mit - und dadurch wird das Zuhören zu einer aktiveren Angelegenheit als das Lesen zu Hause. Die Literatur erhält dadurch einen ganz wichtigen physischen Aspekt. Wenn die Zuschauer diesen physischen Aspekt beim „Faust“ erfahren, dann wäre schon viel erreicht.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Kultur Benno Fürmanns neuer Film - Unerkannt, getarnt und einsam
06.11.2014
05.11.2014
Kultur Versteigerung bei Sotheby's - Und 101 Millionen Dollar zum Dritten!
05.11.2014