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Kultur Theater an der Glocksee spielt „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“
Nachrichten Kultur Theater an der Glocksee spielt „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“
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08:27 28.02.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Wie es ist, ein Flüchtling zu sein: Szene aus „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“.
Wie es ist, ein Flüchtling zu sein: Szene aus „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“. Quelle: Meyer-Arlt
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Hannover

Schade. Das wäre fast ein großer Theatermoment geworden. So war es ein sehr guter Theaterabend. Immerhin. Aber es wäre fast eine wirklich große Sache geworden. Doch das hat leider nicht geklappt. Wer hat's vermasselt? Theaterangehörige. Leider. Freunde derer, die auf der Bühne stehen. Leute also, die sich das Spiel anschauen, aber im Grunde gar kein richtiges Publikum sind. Das richtige Publikum jedenfalls hätte es am Ende sicher noch ein bisschen länger ausgehalten, ohne Applaus. Vielleicht wäre es sogar möglich gewesen, das Theater zu verlassen, ohne zu applaudieren. Oder dann draußen im Foyer zu klatschen. Jedenfalls irgendetwas anders zu machen als sonst. Das wäre ganz angemessen gewesen, nach dieser Inszenierung, bei der auch vieles ganz anders ist als sonst so im Theater. Aber dann fingen die Theaterfreunde doch mit dem Klatschen an. Und natürlich stimmten dann alle ein. Und am Ende erhoben sich fast alle von ihren Sitzen und klatschten im Stehen weiter.

Beifall im Stehen – das gibt es im Freien Theater in Hannover nicht so oft. Aber hier gab es ihn, und er war absolut berechtigt.

Das Theater an der Glocksee zeigt (nach „Nichts“) wieder ein Stück der dänischen Autorin Janne Teller. Das Stück ist ein Gedankenexperiment: Wie wäre es, wenn Krieg wäre? Hier in Deutschland. Euer Haus ist weitgehend zerstört, ihr würdet im Keller leben, der Winter kommt. Der Vater, der rechtzeitig geflohen ist, schafft es, euch zu sich nach Ägypten zu holen. Ihr kommt in ein Auffanglager in der Wüste, dürft nicht arbeiten, irgendwann werdet ihr Bürger des Landes, das Euch aber immer fremd bleiben wird.

So geht das; Teller spricht ihre Leser und Zuschauer direkt an. Man wird aufgefordert das zu tun, was man im Theater ohnehin unternimmt: sich vorzustellen, ein anderer zu sein.

Das, was Tausende von Menschen in Deutschland erleben, erlebt hier der Theaterzuschauer. Wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Janne Teller will, dass sich der Leser das intensiv vorstellt. Deshalb sieht das Büchlein auch aus wie ein Reisepass. Diese Einbeziehung, diese direkte Konfrontation sucht auch Lena Kussmann, die das Stück im Theater an der Glocksee inszeniert hat. In der Art eines Hörspiels stellt sie Szenen des Krieges vor, dann müssen die Besucher ihre Plätze verlassen und werden in eine Art Wüstenlager geführt: gleißendes Licht, Sand am Boden. Es gibt noch weitere Raumwechsel, man wird gefilmt und weiß nicht warum. Man spürt (ein bisschen), wie es ist, ein Fremder zu sein.

Die Schauspieler (Helga Lauenstein und Jonas Vietzke) mischen sich unters Publikum, geben Anweisungen, führen die Besucher durchs aufwändig gestaltete Theaterlabyrinth (Bühne Ulrike Glandorf). Lauenstein und Vietzke spielen ohne große Emotionalität, aber gerade dieses distanziert Erzählerische macht den Text so eindringlich. Dazu kommt eine Sprechkultur, die im freien Theater nicht immer so vorhanden ist. Es ist ganz erstaunlich, was hier geleistet wird.

Sind in Hannover noch Preise fürs Freie Theater zu vergeben? Ist noch ein bisschen Geld in den Fördertöpfen? Das Theater an der Glocksee wäre auf jeden Fall ein würdiger Empfänger.

Die nächsten Vorstellungen: 1., 2., 6., 8., 9. März. Karten: (0511) 1613936

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