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Kultur Theater ums Theater
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00:15 02.06.2013
Von Stefan Arndt
32 Millionen Menschen haben in der Spielzeit 2010/11 Konzerte und Theatervorstellungen besucht. Unser Bild zeigt eine Szene aus der Piratenoper "Die Schatzinsel" im Theater Erfurt. Quelle: dpa
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Wolfenbüttel

Natürlich ist Lessing hier nicht überraschend. Aber ausgerechnet dieses Zitat? „Kein Mensch muss müssen“ steht in riesigen Lettern neben dem Saaleingang im Wolfenbütteler Lessingtheater. Das prominent platzierte Lessing-Wort erinnert sofort an die Parole, mit der der Deutsche Bühnenverein seit Jahren für seine Sache wirbt: „Theater muss sein!“ Als Aufkleber ist dieser Satz auf den Autos unzähliger Musenfreunde im ganzen Land präsent, die Kampagne ist eine Erfolgsgeschichte der Werbebranche.

Allerdings offenbart der Spruch, der fast wie ein Hilferuf klingt, vor allem die Probleme der deutschen Theater. Vielerorts spielt man bereits um die Existenz. Rund 6000 Arbeitsplätze sind in den vergangenen 15 Jahren an den Theatern abgebaut worden. Den Spardruck hat das kaum gemindert. Jede Tariferhöhung für die Beschäftigen lässt den meist eingefrorenen Etat der Häuser noch kleiner erscheinen, der künstlerische Spielraum engt sich von Jahr zu Jahr weiter ein. Schließungen von Theatern sind bisher zwar noch Ausnahmen, doch die Luft wird dünner.

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Ausverkauft binnen weniger Stunden

Vor diesem Hintergrund hat der Deutsche Bühnenverein bei seiner Jahrestagung in Kiel in der vergangenen Woche beschlossen, sich dafür einzusetzen, dass die deutsche Theaterlandschaft den Status eines immateriellen Weltkulturerbes erhält. „Eine Anerkennung des deutschen Systems mit öffentlich geförderten Bühnen und Orchestern als Weltkulturerbe wäre zwar nur eine ideelle Würdigung“, sagte Bühnenvereins-Präsident Klaus Zehelein. Aber man würde die Theater- und Musiklandschaft ernster nehmen.

In Wolfenbüttel kann man erkennen, wie ernst das Theater genommen wird, wenn es eine Zeit lang verschwunden war. Nach jahrelanger Schließung und Sanierung hebt sich heute Abend der Vorhang für die erste größere Produktion im Lessingtheater. „Die Leute haben regelrecht danach gedürstet“, sagt Alexandra Hupp vom Kulturbüro der Stadt. Als der Vorverkauf für die ersten Veranstaltungen begonnen hat, gab es lange Schlangen vor der Theaterkasse. Binnen weniger Stunden war das Haus ausverkauft. In Wolfenbüttel, wo es sechs Jahre lang kein standesgemäßes Haus gab, braucht man derzeit nicht zu betonen, dass Theater sein muss. „Kein Mensch muss müssen.“ Die Leute kommen freiwillig. So eine Theatereröffnung scheint bei der allgemeinen Untergangsstimmung wie aus der Zeit gefallen. Und doch gibt es Anzeichen, dass es genau der richtige Weg ist.

Natürlich ist Wolfenbüttel mit seinem Lessingtheater kein repräsentativer Ort, wenn es um die deutsche Theaterlandschaft geht. Es ist ein Gastspieltheater ohne eigenes Ensemble; es ist ein Gebäude, keine Kunst. Trotzdem taugt Wolfenbüttel als Symbol für die aktuelle Diskussion, die sich an die Forderung des Bühnenvereins angeknüpft hat. Schließlich hat hier alles seinen Anfang genommen: Als Herzog Heinrich Julius 1597 dem englischen Komödianten Thomas Sackeville und seinem Ensemble dauerhafte Unterkunft und Gehalt in Wolfenbüttel bot, war das die Geburtsstunde des subventionierten Theaterbetriebs in Deutschland.

Das Vorbild des Herzogs verbreitete sich schnell: Jeder Fürst, der auf sich hielt – und das taten alle, auch die mit winzigem Herrschaftsbereich –, leistete sich ein Theater. Nach 1918 wurden diese Häuser, die nicht selten Schauspiel-, Opern- und Ballettensembles unter einem Dach beherbergten, zumeist in Staatstheater überführt. Bis heute sind diese daher nicht nur in Landeshauptstädten, sondern auch in vielen ehemaligen Residenzstädten zu finden. Außerdem eröffneten Ende des 19. Jahrhunderts etliche Stadttheater, die das bürgerliche Publikum mit Repertoirevorstellungen erfreuten. Auf diese Weise gibt es heute rund 150 Theater mit eigenem künstlerischen Personal in Deutschland, dazu kommen noch einmal so viele öffentlich subventionierte Häuser mit Gastspielbetrieb und rund 250 Privattheater. Zusammen bringen sie rund 70.000 Vorstellungen pro Saison auf die Bühnen.

Interesse an Geschichte ist wieder erwacht

Diese weltweit einmalige Vielfalt also möchte der Bühnenverein bewahren – und erntet dafür erstaunlicherweise vor allem Kritik. Die Kulturfunktionäre wollten einen Zustand zementieren, der letztlich Folge der jahrhundertelangen deutschen Kleinstaaterei ist, höhnte die „Süddeutsche Zeitung“. Mit der Musealisierung des Theaterbetriebs fördere man den Stillstand und ersticke alle Lebendigkeit, stichelte die „Welt“. Wie absurd solche Kommentare sind, ist nun in Wolfenbüttel zu besichtigen, wo die Theatereuphorie der Bürger derzeit kaum Grenzen kennt. Im Lessingtheater zeigt sich im Kleinen die Verbindung von Tradition und Fortschritt, die gutes Theater allerorten auszeichnet.

Allein der Umgang mit dem Gebäude zeugt von dem wiedererwachten Interesse an Geschichte, das sich auch jenseits des Theaters, etwa bei Schlossrekonstruktionen, zeigt. Mit großem Aufwand wurde in Wolfenbüttel die historische Substanz wiederhergestellt. Man hat alte Farbproben genommen und originale Wandbemalungen wiederhergestellt. Kosten hat man dabei nicht gescheut: 19 Millionen Euro hat die denkmalgerechte Sanierung gekostet. Das Ergebnis ist nicht nur ein wunderbarer Rahmen, der ein Theatererlebnis vielleicht erst recht zur Geltung bringt.

Der Bau hat auch Vorbildcharakter für weitaus größere Projekte. So hat die Berliner Staatsoper Unter den Linden sich bereits nach der neuartigen Hochdrucksprühnebelanlage erkundigt, mit der man hier den Anforderungen des Brandschutzes Genüge tut, ohne im Ernstfall das ganze Haus unter Wasser zu setzen und alle restauratorischen Anstrengungen wegzuspülen.

Der Brandschutz und die Staatsoper haben in der Geschichte des Lessingtheaters schon einmal eine wichtige Rolle gespielt: Als man 1903 in Berlin Sicherheitsmängel diagnostizierte, wurden alle Theater des Reiches unter diesem Aspekt untersucht. Das alte Wolfenbütteler Hoftheater erwies sich dabei als hoffnungsloser Fall: Es wurde geschlossen. 1909 eröffnete das daraufhin neu gebaute Lessingtheater. Weitgehend in den historischen Zustand zurückversetzt erwacht dort nun neues Theaterleben.

Die Stadt hat zusätzliches Personal eingestellt und den Etat für Gagen verdreifacht. 450.000 Euro pro Spielzeit kann Alexandra Hupp nun ausgeben, die auch das Theater leitet.  Zum Anfang kommen Stars wie die Regisseure Peter Brook und Claus Peymann. Danach ­findet sich ein sorgfältig ausgewähltes Angebot aus dem Konzert- und Theater­programm verschiedener Landestheater und freier Ensembles.

Die Qualität ihrer Aufführungen wird am Ende darüber entscheiden, ob die Theaterbegeisterung anhält und das Theater bleibt, was es derzeit unübersehbar ist: ein gesellschaftliches Zentrum der Stadt und des Gemeinwesens. Die Chancen dafür ­stehen gut: An vielen anderen Orten im Land funktioniert es auch. Nur fällt es kaum auf, weil es schon immer so war.

Ronald Meyer-Arlt 30.05.2013
Ronald Meyer-Arlt 02.06.2013