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Kultur Theatergruppe trotzt dem Weltuntergang
Nachrichten Kultur Theatergruppe trotzt dem Weltuntergang
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19:19 22.07.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Teilzeitutopisten: Schauspieler Nils Zapfe und Regisseur Marco Storman. Quelle: Meyer-Arlt
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Hannover

Das Dorf Bugarach in der Weinbauregion Languedoc-Roussillon hat knapp 200 Einwohner, einen ziemlich auffälligen Berg vor der Tür und möglicherweise eine goldene Zukunft. Denn wenn laut Maya-Kalender am 21. Dezember 2012 die Welt untergeht, soll Bugarach der einzige Ort auf der Erde sein, der die Apokalypse übersteht. Einige Esoteriker glauben, dass hier, am Pic de Bugarach, die Außerirdischen eine Art Erdbasis eingerichtet haben. Am Tag des Weltuntergangs werden die Aliens hier landen und einige „Auserwählte“ zu sich bitten, die dann gerettet werden.

Als dem Regisseur Marco Storman und seinen sieben Kollegen von der freien Theatergruppe Kulturfiliale vor etwa einem Jahr eine Zeitungsmeldung über die Gemeinde in die Hände fiel, hatten die Theaterleute das Gefühl, dass das ein schönes Thema für eine neue Produktion sein könnte. Irgendwie. Bugarach hat etwas – das spürten die Regisseure, Schauspieler und Ausstatter, die sich in der Gruppe Kulturfiliale zusammenfinden, um immer im Sommer Projekte jenseits des Stadttheaters zu entwickeln. Diese Sehnsucht nach Rettung, die sich hier artikuliert, fanden sie interessant. Und dieser Mut, sich zu einer verrückten Idee zu bekennen.

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Esoteriker sind die Theatermacher der Kulturfiliale nicht. Sie glauben auch nicht an den Weltuntergang, jedenfalls nicht an den, der vom Maya-Kalender – wenn man ihn falsch liest – angeblich vorausgesagt werden sollte. Was die Theaterleute interessiert, ist der Umgang mit Krise und Utopie.

Also haben sie beschlossen, ein Theaterprojekt über den Weltuntergang und die Zeit danach zu machen. Vom 3. August soll „Bugarach: Die Arche der Wurzellosen“ im Zentrum von Hannover gleich neben der Marktkirche gezeigt werden. Mehrere Theatergebäude wollen die Kulturfilialisten dort errichten: ein „Krisencamp“, in dem fortwährend Aktienkurse über Bildschirme rauschen, in dem eine „Weltuntergangsdisko“ wummert und Interviews mit Passanten zum Thema Krise gezeigt werden sollen – und eine „Arche“, in der die Zuschauer so etwas wie eine Kurzreise in die Utopie erleben sollen.

Eintritt wird weder für das Betreten des Krisencamps noch für die Arche verlangt. Das Einzige, was Zuschauer mitbringen müssen, ist die Bereitschaft, sich auf eine neue, etwas andere Theaterform einzulassen, und ein bisschen Zeit - etwa eine Dreiviertelstunde werden die Besucher für den Krisen- und den Utopieparcours benötigen.

Finanziert wird das Theater der Kulturfiliale von der Stiftung Niedersachsen, der Stiftung Kulturregion Hannover und dem niedersächsischen Kulturministerium. Nicht, dass genug da wäre – der Etat für das Bugarach-Projekt liegt bei 33000 Euro – , aber auf Eintrittsgeld kann die Theatergruppe in diesem Fall doch verzichten. Denn das gehört manchmal zum künstlerischen Prinzip der Gruppe, deren Mitglieder fast alle fest an verschiedenen Stadttheatern in Deutschland beschäftigt sind.

Den Theaterleuten liegt daran, außerhalb ihrer normalen Engagements eine andere Form von Theater zu machen: Theater, in dem Publikum und Akteure nicht so getrennt sind wie sonst, Theater, das auch diejenigen erreicht, die sich sonst nicht so für die Bühnenkunst interessieren.

Das war auch beim ersten Projekt der Kulturfiliale in Hannover so. Vor drei Jahren haben die Theaterleute einen Hochsitz auf dem Platz der Weltausstellung installiert. Schauspieler Philippe Goos lebte dort in einer Kammer und lud Besucher zu sich ein. Die Installation erinnerte an einen Arbeitslosen, der mit dem Fahrrad in den Solling gefahren war und sich auf einem Hochsitz zu Tode hungerte.

Das war das erste Erfolgsprojekt der Theatergruppe in Hannover. Im vergangenen Jahr spielten die Filialisten dann „T.R.I.P“, ein Theaterstück im Stadtraum für jeweils nur einen einzigen Zuschauer. Wer daran teilnahm, erlebte eine merkwürdige Stadtraumverzauberung und sah die Welt noch eine ganze Weile lang mit anderen Augen. Das war sehr schön, sehr berührend – und blieb lange in Erinnerung.

Die Kulturfiliale gehört zu den spannendsten freien Theatergruppen der Stadt – aber die Frage ist: Wie lange noch? Im September wird eine modifizierte Form des hannoverschen Weltuntergangsspiels in Schwerin zu sehen sein. Und dort plant man unter dem schönen Titel „Archiv der Utopisten“ auch schon einige Folgeveranstaltungen. Schade wär’s, wenn das Schweriner Engagement dazu führen würde, dass die hannoversche Kulturfiliale ihre Öffnungszeiten möglicherweise einschränkt.

Bugarach: Die Arche der Wurzellosen“, vom 3. bis 10. August täglich von 10 bis 20 Uhr neben der Marktkirche Hannover.

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