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Kultur Gerge Orwells „1984“ im Ballhof
Nachrichten Kultur Gerge Orwells „1984“ im Ballhof
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09:54 12.10.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Orwells Roman zeigt einen Überwachungs-, Gedankenkontroll- und Wirklichkeitskonstruktionsstaat. Seine Worte „Big Brother is watching you“ sind zur Zeiterklärungschiffre geworden.
Orwells Roman zeigt einen Überwachungs-, Gedankenkontroll- und Wirklichkeitskonstruktionsstaat. Seine Worte „Big Brother is watching you“ sind zur Zeiterklärungschiffre geworden. Quelle: Karl-Bernd Karwasz
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Hannover

Am Ende sind wir in der Gegenwart angekommen. Die Zukunft war schon. Sie liegt hinter uns, 1984 ist seit 30 Jahren Geschichte. Man kann sich an früher erinnern und zum Beispiel in einer Fernsehshow von damals erzählen, davon, wie das war, in einem Unrechtsstaat zu leben. Mit solch einem (auf der Bühne doch immer kabarettistisch anmutenden) Fernsehformat endet Florian Fiedlers Inszenierung von George Orwells Roman „1984“ in der Theaterversion von Alan Lyddiard. Es gibt sicher stärkere Schlussszenen.

Dafür war der Anfang stark. Es ist ja nicht ganz einfach, Orwells Geschichte vom Angestellten Winston Smith, der sich verliebt und sich dem Überwachungssystem widersetzt, auf die Bühne zu bringen. Wie will man die fremde Welt der Zukunft (Orwell hat „1984“ im Jahr 1948 geschrieben) auf der Bühne gestalten? Wie will man die Bedrohlichkeit von „Big Brother“ in Bilder fassen? Science-Fiction auf der Bühne neigt dazu, lächerlich zu wirken.

Aber in seiner Ballhof-Inszenierung findet Florian Fiedler starke Bilder für den Überwachungsstaat. Jedenfalls am Anfang. Winston Smith arbeitet im Wahrheitsministerium und schreibt die Vergangenheit um. Auf der Bühne (von Maria-Alice Bahra) sind zwei Projektionsflächen zu sehen: der weiße Boden der Spielfläche vorn und die große Leinwand auf der Rückseite der Ballhofbühne. Über beide Flächen läuft Text. Mit Armbewegungen und mit Fingerschnippen werden Wörter an ihre neuen Plätze dirigiert oder gelöscht.

Dieses Schrifttanzen, diese großartige Choreografie der Wirklichkeitskonstruktion macht neugierig. Welche mutigen Zukunftsbilder wird uns der Regisseur hier noch präsentieren? Leider aber kommt da nicht mehr viel. Leider schrumpft die Geschichte schnell zu einer Liebespolitiklamotte. Tiefpunkt: Winston Smith (Daniel Christensen) und Julia Jackson (Elena Schmidt) kuscheln irgendwo im Wald; er klimpert auf der Gitarre (D-Dur, zupf, zupf, G-Dur, zupf, zupf und retour), sie schwadroniert mit viel Betroffenheit in der Stimme über ihr Unwohlsein am System, Möglichkeiten des Widerstands und über Promiskuität als Ausstiegsstrategie. Da schimmert die bundesrepublikanische Befindlichkeit von 1984 durch.

Orwells Roman zeigt einen Überwachungs-, Gedankenkontroll- und Wirklichkeitskonstruktionsstaat. Seine Worte „Big Brother is watching you“ sind zur Zeiterklärungschiffre geworden. In Florian Fiedlers Inszenierung sieht man davon nur wenig.

Vielleicht hatte der Regisseur Angst vor Monitorwänden und Überwachungskameras. Vielleicht war ihm das alles zu platt. Bei ihm ist jedenfalls nur eine einzige Kamera zu sehen. Sie filmt die Akteure, wenn sie, was oft geschieht, hinter einer Art Duschvorhang agieren. Einmal schreibt Julia mit Rasierschaum „Ich liebe dich“ auf diesen Vorhang, danach riecht das Theater intensiv nach Seife. So könnte es vielleicht gehen, Säuberungsaktionen des Systems erfahrbar zu machen, aber auch der Seifenschaum bleibt solitär.

Es ist, als kapituliere die Inszenierung (trotz des diabolisch freundlichen Wolf List als Vertreter der Obrigkeit) vor der Aufgabe, Bedrohlichkeit zu zeigen. Im Ballhof erörtern die Akteure die Möglichkeit von Liebe in schlimmen Zeiten. Aber warum klingen ihre Worte dabei so leer und so falsch? Liegt es an der Deformation durch das Leben im Unterdrückungsstaat? Oder an den beiden Schauspielern? Das ist schwer auszumachen.

Weitere Vorstellungen am 14. und 19. Oktober, sowie am 2. November, jeweils um 19.30 Uhr im Ballhof

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