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Kultur Theaterstück „Rotlicht“ über Prostitution berührt Publikum
Nachrichten Kultur Theaterstück „Rotlicht“ über Prostitution berührt Publikum
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16:42 07.04.2013
Männer gehen unabhängig von Alter, Bildungsstand, politischer und religiöser Zugehörigkeit zu Prostituierten, sagt Regisseurin Roesler. Quelle: dpa
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Göttingen

„Ich bin Geliebte auf Zeit. 200 Euro die Stunde, egal was wir machen“, sagt Maria, die ihr Geld im Escort- Service verdient. Eine junge Osteuropäerin, die Freiern in einem Flatrate-Bordell zum Festpreis zu Willen sein muss, meint: „Manchmal willst du nur tot sein.“ Das Stück „Rotlicht“, das am Samstagabend im Deutschen Theater Göttingen vom Ensemble werkgruppe2 uraufgeführt wurde, gibt Einblicke in das Leben von Prostituierten in Deutschland.

Niemand weiß, wie viele Huren es hierzulande gibt. Schätzungen zufolge sollen es 400 000 sein, mehr als die Hälfte Migrantinnen, mit rund 1,2 Millionen Freiern am Tag. Regisseurin Julia Roesler und die Dramaturginnen Anna Gerhards und Silke Merzhäuser haben überall in Deutschland mit Prostituierten gesprochen, in Bordellen, auf dem Straßenstrich oder im Domina-Studio.

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Männer gehen unabhängig von Alter, Bildungsstand, politischer und religiöser Zugehörigkeit zu Prostituierten, sagt Roesler. Darüber sprechen wollten sie aber nicht. Mit „Rotlicht“ wolle die werkgruppe2 eine gesellschaftliche Tabuzone beleuchten und das Schicksal von Menschen zeigen, mit dem man sich sonst eher nicht auseinandersetzt.

Die Aufzeichnungen der Interviews mit den Prostituierten waren die Grundlage für das Dokumentations-Stück, das die unterschiedlichsten Facetten der Prostitution beleuchtet. In der musikalisch untermalten Milieustudie schildern die Frauen, wie sie tagtäglich ihr Geld verdienen, wie sie zu dem Beruf gekommen sind, was sie auszustehen haben, wovon sie träumen.

Sechs Schauspielerinnen in wechselnden Rollen spielen die Schicksale, Geschichten und Anekdoten in der Sprache und Ausdrucksweise der Prostituierten nach. Dabei gelingt es ihnen, Situationen zu schaffen, die wie vertrauliche Gespräche der Frauen mit dem Publikum wirken.

Blaue Flecken überschminken und weitermachen

Eine bayerische Hure („Das hat mit Liebe nichts zu tun, das ist eine Dienstleistung“) erzählt, wie sie im Bordell früher 15.000 Mark im Monat verdient habe, wie ihr „Altlude“ ihr hin und wieder eine langte, wie sie die blauen Flecken übergeschminkt und weitergemacht hat.

Eine Südamerikanerin berichtet, wie sie zur Prostitution in Europa erpresst wurde, indem Hintermänner des Rotlichtgeschäftes ihre Familie in Kolumbien bedrohten und wie sie Scheinehen einging, um nicht ausgewiesen zu werden. Eine bulgarische Mutter schildert, wie sie jahrelang als selbstständige Hure Freier im Wohnwagen empfing, um Abitur und Studium ihrer Kinder zu finanzieren.

Das in Kooperation mit der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover entstandene Stück wertet nicht. Es gibt einen verdichteten Überblick über die Rotlicht-Branche. Man müsse sich bewusst machen, dass Prostitution nicht grundsätzlich mit Menschenhandel verbunden sei, sondern für Frauen aus osteuropäischen Ländern oft der einzige Weg aus der Armut sei, meint die Regisseurin.

Wie erniedrigend und voller Pein dieser Weg sein kann, wird klar, als die Schilderungen junger Frauen aus Rumänien nachgespielt werden: Sie sind in Flatrate-Bordellen gelandet, in denen Männer für 120 Euro zwölf Stunden lang bekommen, was sie wollen.

dpa