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Kultur Ein Theaterstück fast ohne Dialoge
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00:17 11.02.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Hinter Glas: Hartmann, Müller, Fernandes Genebra und Sedl. Quelle: Lefebvre
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Hannover

Geschrieben hat „Zersplittert“ die 1980 in Rumänien geborene und in Paris lebende Autorin Alexandra Badea. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung im September in Graz gab es nun die deutsche Erstaufführung auf der Cumberlandschen Bühne. „Zersplittert“, das im Original „Pulverisée“ heißt (was die Sache, die Auflösung des Menschen in entfremdeten Arbeitszusammenhängen noch etwas besser trifft) ist ein nur wenig dramatisches Stück.

Die Menschen treffen nur als Funktionen aufeinander. Es gibt so gut wie keine Dialoge; die Figuren reden nicht miteinander, stattdessen protokolliert jeder seine Situation und erzählt von seinem Arbeitstag. Dabei redet er von sich selbst in der zweiten Person Singular: Du wachst auf, du machst dies, du machst das. Das passt zwar zur Auflösung der Identität, ist aber auf Dauer ein bisschen anstrengend.

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Das Staatstheater Hannover zeigt Alexandra Badeas "Zersplittert".

Thomas Dannemann, der „Zersplittert“ auf der Cumberlandschen Bühne inszeniert hat, bemüht, sich die Zersplitterung auch Bild werden zu lassen. Die Darsteller sind viel mit der Videokamera unterwegs. Sie filmen ihre Gesichter in Nahaufnahme, alles ist dann schön kaleidoskopiert auf zwei Bildschirmen, auf der Bühnenrückwand und auf den Wänden einer großen Kiste zu sehen.

Die Kiste ist ein Spielobjekt. Man kann sie betreten, sie hin- und herschieben. Und da sie vier Beine hat, kann man sie auch hoch und runter fahren. Aber wozu eigentlich? Das wird nicht recht klar. Im Stück geht’s zwar auch um Kisten, die produziert werden, doch die sind klein und voller Elektronik. Die große Spielkiste (im Bühnenbild von Heike Vollmer) erinnert in ihrer schwergängigen Mechanik eher an eine vergangene Zeit.

Die Schauspieler jedenfalls wären sicher in der Lage, uns die Geschichten aus der Arbeitswelt auch ohne Videosplitter und höhenverstellbare Beziehungskiste nahezubringen. Susana Fernandes Genebra spielt die Entwicklungsingenieurin aus Bukarest, die schwer unter Stress steht und ihre kleine Tochter meist nur via Überwachungskamera sieht, mit Kummer in der Stimme und erstaunlicher Verhärtung im Gesicht.

Henning Hartmann spielt den Teamleiter in einem Kundencenter in Dakar, Er steht mächtig unter Strom, manchmal gefriert seine Freundlichkeit, manchmal glüht da eine Panik auf. Mareike Sedl ist die Arbeiterin in der Leiterplattenfabrik in Shanghai. Sie hat sich in der Routine der immergleichen Bewegungen am Band eingerichtet und berichtet darüber mit tiefem Ernst und packender Traurigkeit. Dass sie eine Fließbandpantomime abliefern muss, gehört zu den Merkwürdigkeiten dieser Produktion.

Den stärksten Eindruck macht Christoph Müller. Er spielt einen Qualitätsmanager. Der Vielflieger jettet von Meeting zu Meeting und weiß manchmal nicht mehr, in welcher Stadt, in welchem Land er gerade erwacht. Und ob es überhaupt schon Tag ist. Müller gibt dem Turbomanager eine federnde Schwere, ein schönes Funkeln im Grau, er spricht sachlich leidend, und man kann bei ihm die Schweißtropfen auf der Stirn sehen, selbst wenn sein Gesicht nicht in Großaufnahme auf die Rückwand projiziert wird. Sehr stark.

„Zersplittert“ ist kein großes Stück, es erzählt nicht viel Neues über die Globalisierung, es überrascht und es verstört kaum, aber es bietet einige schöne Vorlagen für gute Schauspieler. Und das Ensemble nutzt sie.

Wieder am 9., 12., 19. und 26. Februar.

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