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21:36 15.06.2014
Von Jutta Rinas
Rasante Abfahrt: Szene aus „Le Crocodile Trompeur/Dido und Aeneas“. Quelle: Victor Tonelli/ArtComArt
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Hannover

Klobige Skistiefel trägt er zum Frack. Sein Haar, sein Gesicht, sein Körper: Alles ist mit weißem Pulver bepudert – und im Arm hält der Mann auch noch einen ausgestopften Rotwildschädel.

Wir befinden uns bei den Kunstfestspielen in der Orangerie im zweiten Akt einer zeitgenössischen Adaption von Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“: Die Szene könnte kaum rätselhafter, kaum surrealer sein. Antoine Kahan, Sänger und Darsteller des berühmten Théâtre des Bouffes du Nord (das Regielegende Peter Brook mehr als 30 Jahre lang leitete), ist eine der Hexen, die ein Komplott gegen die karthagische Königin Dido schmieden. Mit dem ausgestopften Reh spielen Samuel Achache und Jeanne Candel, die die Inszenierung verantworten, auf die von Aeneas im Original erlegte Jagdbeute an.

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Aber der Rest? Ist Fantasie! Ist feinsinniges, von absurden Einfällen überbordendes Musiktheater, eines, in dem alle Darsteller alles machen: Instrumente spielen, singen, schauspielern.

Dass es in „Le Crocodile Trompeur/Dido and Aeneas“ anders zugeht, als in einer klassischen Inszenierung der Purcell-Oper macht gleich zu Beginn das Vorspiel klar. Eine Art Erzähler (Florent Hubert, zugleich musikalischer Leiter des Ensembles) philosophiert über die Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis und stolpert danach in die dubiose Obduktion einer Leiche namens Dido hinein. Todesursache: Liebesschmerz. Er manövriert sich in eine imaginäre Höhle, die sich als Gehirn der Toten herausstellt, diagnostiziert die von der tödlichen Liebeskrankheit betroffenen Organe und unterhält das Publikum mit eingestreuten Sentenzen wie der Erkenntnis, dass man sich auf der Bühne ja einer Horde glotzender Menschen gegenüber sieht.

Mal stark an Purcell angelehnt, dann wieder minimalmusic-artig, gemischt mit Jazz und moderner Folklore, entspinnt sich eine großartige kammermusikalische Bearbeitung der Purcell-Oper. Klarinette und Saxofon spielen – oft melancholisch gefärbte – Weisen, dem Cello und dem Kontrabass werden streichend oder klopfend Töne entlockt, dann und wann erklingen dazu Akkorde auf einem Harmonium.

Es gibt merkwürdigste Formen der Geräuscherzeugung: Dido und Aeneas singen sich in einer Kussszene beispielsweise gegenseitig in den offenen Mund, was sehr seltsam klingt. Es gibt aber auch eindrucksvollen, barock anmutenden Gesang. Marion Sicre als Belinda und Jan Peters als Aeneas erzählen – oft nur ganz sparsam von Cello oder Kontrabass begleitet – von der Liebe, vor allem Judith Chemla als Dido aber berührt mit ihrem puren, ausdrucksstarken Gesang.

Wie genau die Akteure dazu ihre rätselhaften Bilder entwickelt haben, bleibt ungewiss. Hat die Tatsache, dass bei Purcell die Zauberin Dido ins Unglück stürzen will, dazu geführt, dass Antoine Kahan sich in Frack und Skistiefeln von einem Bretterhaufen stürzt? Steckt das Wort Krokodil auch im Titel „Le Crocodile Trompeur“, weil es für vorgetäuschte Trauer ein Wort wie Krokodilstränen gibt? Man weiß es nicht. Aber das macht auch nichts. Denn die Akteure des Théâtre de Bouffes du Nord werden ihrer tragischen Vorgabe in jeder Sekunde gerecht, obwohl sie ihr teilweise mit unerhörter Leichtigkeit begegnen.

Sie verzaubern ihr Publikum zudem, obwohl sie unter widrigen Umständen gestartet sind. Weil ein Verkehrsunfall die Einfahrt zum Parkplatz an den Herrenhäuser Gärten blockiert, wird das Stück um eine halbe Stunde nach hinten verschoben. Manche Besucher erreichen erst nach strapaziöser Anfahrt die Orangerie. Versöhnt werden sie durch tiefgründige Unterhaltung auf höchstem Niveau. Chapeau!

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