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09:42 30.08.2013
Von Karsten Röhrbein
Findet seine „Streets of Philadelphia“ nun in Wien: Thees Uhlmann. Quelle: Ingo Pertramer
Hannover

Diese Bilder! Kaffee und Wein reichen sich die Hand, Bustüren zischen wie „müde Pferde“, störrischem Treibholz wachsen in einem Song gar Flossen. Herrje. Schräge Metaphern sollte man nicht überbewerten. Vor allem nicht in Rocksongs. Was aber, wenn sie es sind, die beim ersten Durchlauf des neuen Albums hängen bleiben – nicht die flirrenden Gitarren, die starken Refrains?

Thees Uhlmann macht es Neueinsteigern nicht eben leicht. Der 39-Jährige, der es vom Roadie zur Rampensau und ins Vorprogramm der Toten Hosen geschafft hat, verdichtet Alltagstristesse gerne zu schwelgerischen Rocksongs. Und damit man das Besondere im Alltäglichen auch möglichst gut erkennt, wählt Uhlmann besondere Sprachbilder. Unverbraucht, unkonventionell, manchmal aber schlicht überambitioniert und unpassend. Das war schon so, als sich der Wahlberliner mit seiner Indie-Pop-Band Tomte in die großen Hallen spielte. Und das ist auch auf seinem zweiten Soloalbum, schlicht „#2“ betitelt, so geblieben.

Sein Solodebüt „Thees Uhlmann“, das vor zwei Jahren bis auf Platz vier der Charts kletterte, war eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Kindheit auf dem Land. Die kennt Uhlmann gut: Er wuchs in Hemmoor bei Cuxhaven auf, sein erstes Konzert gab er auf einem „Schweinehänger“ im Nachbarort Cadenberge. Weil er vor mehr als 1000 Zuhörern Jahrzehnte später nicht nur über das Pinkeln an Weidezäune und Pierre-Littbarski-Poster im Kinderzimmer sang, sondern auch über kaputte Ehen in intakten Reihenhäusern oder die Kassiererin im Supermarkt, galt er schnell als der „Springsteen aus Niedersachsen“. „Du bekommst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten“, sagte der Blondschopf mit der hohen Stirn damals, wenn er über die Päckchen sprach, die man zu tragen hat, ob man will oder nicht. Und er fand schöne Bilder für prägende Erinnerungen: Er sang von Narben, Hoffnungen, alten T-Shirts, Lieblingsplatten und den „Toten auf dem Rücksitz“.

Aufzählungen finden sich auch auf „#2“, allerdings sind sie etwas prosaischer. Die erste „Sendung mit der Maus“, die Geburt von Rudi Dutschke und seiner Mutter besingt Uhlmann in „Am 07. März“, ebenjenem Tag, an dem sich die Ereignisse jähren. Sinnstiftend verbunden werden Jahrestage aus der Wikipedia-Chronologie und Uhlmanns Biografie aber nur sporadisch. „Das Telefon hat Graham Bell heute patentiert“, heißt es da, „ich sollte mich mal wieder melden / Es ist einiges passiert.“ Man kann trefflich darüber streiten, ob derlei naheliegende Assoziationen kindlich oder einfach nur kindisch sind. Klar ist aber, dass der Texter Uhlmann den Hörer nicht bevormunden mag. Soll sich doch jeder seinen eigenen Reim darauf machen! Einordnen ist seine Sache nicht, sondern das genaue Beobachten – nicht die schlechteste Voraussetzung für einen guten Songwriter.

Das Dorf hat der 39-Jährige inzwischen hinter sich gelassen, die elf neuen Stücke knüpfen dennoch nahtlos an bekannte Uhlmann-Sujets an: In „Weiße Knöchel“ geht es um einen SPD-Wahlkampfhelfer aus dem Ruhrpott, mit dem keiner sprechen mag, der aber trotzdem am nächsten Tag wieder seinen Stand aufbaut. Muss ja. Solche Typen interessieren Uhlmann. Sein vielleicht bester Song aus alten Tomte-Zeiten trägt schließlich den programmatischen Titel „Die Schönheit der Chance“.

Ohne den Ballast seiner alten, immer leicht verkopften Band traut er sich nun auch, einfach mal „Boum, boum, boum“ zu singen. Einfach weil’s gut klingt. Und er traut sich, ganz offensichtlich Lehrmeister Springsteen zu zitieren: „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)“ beginnt wie dessen „Streets of Philadelphia“, nur dass es bei Uhlmann um Wien geht. „Geh’n wir weiter, oder geh’n wir nach Haus?“, heißt es da. Und die Antwort ist klar: Immer weiter. Weiter in Richtung Rockstadion. Orgel, Klavier, Backgroundchöre und Fuzz-Gitarre machen rastlose Songs wie „Es brennt“ zu einem Spektakel. Und sie machen die eigenwilligen Metaphern vergessen, je öfter man das Album hört.

Angetrieben wurde Uhlmann dabei wiedervon Tobias Kuhn, der seit dem letzten Tomte-Album „Heureka“ ständiger Begleiter ist. Erst als Produzent, mittlerweile auch als Ko-Autor und Gitarrist, stellt er dem Bandchef immer neue Aufgaben. Bei den Aufnahmen zum Solodebüt trug er ihm auf, Songs nur am Klavier zu komponieren, bei „#2“ verbot er Uhlmann, mehr als zwei Liebeslieder aufzunehmen. Ganz geschafft hat er das natürlich nicht. Und wenn Uhlmann „Wir haben einen exzellenten Ruf zu verlieren in schlechten Kreisen“ singt, ein Zitat, das er bei einem mit Stadionverbot belegten Fußball-Fan abgehört hat, ist das auch eine Liebeserklärung an die Menschen – trotz all ihrer Fehler. Oder gerade deswegen.

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