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Kultur Thomanerchor singt in Hannover
Nachrichten Kultur Thomanerchor singt in Hannover
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20:23 19.07.2012
Von Jutta Rinas
Mit glockenhellen Stimmen und den berühmten blau-weißen Matrosenkragen: Der Leipziger Thomanerchor in der hannoverschen Markuskirche. Quelle: Anstassakis
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Hannover

Es ist ein einzelner, lang anhaltender, hoher Ton. Ganz überraschend kommt er, fast wie aus dem Nichts. Im Konzert des Leipziger Thomanerchores in der hannoverschen Markuskirche markiert er den Beginn der St.-Thomas-Motette, einer Komposition, die Thomaskantor Georg Christoph Biller dem „Thomasschüler Richard Wagner“ gewidmet hat. Und dieser bemerkenswerte Ton scheint förmlich im Kirchenraum zu schweben, so hell, so glockenklar, wird er von dem Knaben in seiner „Kieler Bluse“ mit dem blau-weißen Matrosenkragen, dem Markenzeichen der Thomaner, intoniert.

800 Jahre alt wird der Leipziger Thomanerchor in diesem Jahr. Ein anspruchsvolles Jubiläumsprogramm mit mehreren Konzertreisen und Auftritten in Leipzig und anderswo absolvieren die weltberühmten Knaben zu diesem Anlass. Auch in Hannover wurden sie aufgrund ihrer eindrucksvollen Geschichte in diesem Jahr schon geehrt: Der Presseclub Hannover verlieh ihnen im Mai den diesjährigen Leibniz-Ring. Kulturbotschafter seien sie, die aufgrund ihres hohen künstlerischen Niveaus und ihrer Tradition auch während der deutschen Teilung in Ost und West international für die verbindende Kraft der Musik gestanden hätten, begründete die Jury ihre Entscheidung. Die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Leipzig war jetzt der Anlass für den Auftritt des Thomanerchors in der Markuskirche.

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Seit Februar fiebere man in Hannover diesem sehr besonderen Konzert entgegen, sagte der Pastor der Markuskirche, Bertram Sauppe, zur Begrüßung. Dass dies keine leeren Worte waren, sondern sich dahinter eine echte Begeisterung der Chorstadt Hannover für die Chormusik der Leipziger verbarg, zeigte schon, dass die 900 Karten für das Konzert schon kurz nach der Konzertankündigung vergriffen waren. Vier Stunden hätten manche Zuhörer in der Warteschlange vor der Kirche gestanden, sagte Bürgermeisterin Regine Kramarek von den Grünen, „nur um sich für den Auftritt der Knaben einen Platz in der ersten Reihe zu sichern“.

Der Thomanerchor hat am Mittwoch in der Markuskirche in Hannover gesungen. Der Chor feiert in diesem Jahr seinen 800. Geburtstag.

Die andächtig lauschenden Besucher erlebten ein berührendes Konzert, in dem die Thomaner ihre musikalische Tradition durch Motetten dokumentierten, die die Thomaskantoren über die Jahrhunderte hinweg für den Gottesdienst komponiert hatten. Sethus Calvisius’ Motette für zwei vierstimmige Chöre, „Singet dem Herrn ein neues Lied“, aus dem 16. Jahrhundert war zu hören, dazu kamen unter anderem Stücke von Johann Hermann Schein und Johann Schelle aus dem 17. oder von Moritz Hauptmann aus dem 19. Jahrhundert.

Billers St.-Thomas-Motette von 2010 brachte die klanglichen Eigenschaften des Chores besonders gut zur Geltung. Zart, innig und glockenklar war nicht nur der erste Ton. Eine besondere Strahlkraft, eine Art inneres Leuchten, prägte die harmonisch so komplexe Klangwelt dieser Musik. Biller arbeitet mit Rückungen, mit anspruchsvoller Chromatik. Aufgerissene Septakkorde werden von verschiedenen Stimmgruppen aufgebaut und von den Knaben erstaunlich intonationssicher gehalten. Der Leipziger Thomanerchor ist für seinen hellen, klaren Ton berühmt. Engel werden die Knaben deshalb manchmal genannt. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat anlässlich einer Aufnahme des Weihnachtsoratoriums sogar einmal behauptet: So singen die Englein im Himmel. Auch in Hannover waren die „himmlischen Qualitäten“ des Chors durchaus zu spüren.

Friedvoll klang die Motette „Der Friede Gottes“ von Johann Adam Hiller, hymnisch Kurt Thomas’ „Jauchzet Gott, alle Lande“. Der Organist der Markuskirche, Martin Dietterle, beeindruckte vor allem mit einer facettenreichen „Fantaisie“ von Denis Bédard. Nach der klangmächtigen Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ des berühmtesten aller Thomaskantoren, Johann Sebastian Bach, gab es noch Bachs berühmtes „Air“ als Zugabe.

Das Publikum hatte schon während des Konzerts nach jeder Motette geklatscht. Nicht zur Freude aller, mancher Besucher fühlte die Andacht, die geistliche Würde des Kirchenkonzerts, dadurch gestört. Am Ende aber gab es begeisterten Applaus von allen Seiten.

Tobias Mull 18.07.2012
18.07.2012