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Kultur Thomas Metzinger:
 Der Ego-Tunnel
Nachrichten Kultur Thomas Metzinger:
 Der Ego-Tunnel
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10:56 26.01.2010
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Wir hätten lediglich die Illusion von uDie nserem eigenen Ich und vom Selbstbewusstsein und täten alles, um diese Illusion aufrechtzuerhalten. Das sei der Grund, warum wir in einem Ego-Tunnel lebten, in dem wir nur das aufnehmen, was zur Aufrechterhaltung dieser Illusion relevant ist. Wie eine solche Illusion erzeugt wird, zeigt der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger in seinem Buch „Der Ego-Tunnel“ anhand der Untersuchungen von Hirnforschern. Der Autor will mit seiner Studie eine Brücke zwischen Philosophie und Neurobiologie bauen.

Mit einem Beispiel, das uns durch das Buch begleitet, macht Metzinger klar, wie Illusionen erzeugt werden können: Die Probanden sehen eine Gummihand, die vor ihnen auf dem Schreibtisch liegt, wobei die ihr entsprechende eigene Hand durch eine Abschirmung verdeckt ist. Beide Hände werden in einem synchronen Rhythmus mit einem Stäbchen gestreichelt. Nach 60 bis 90 Sekunden empfindet man die Gummihand als eigene Hand und fühlt die Berührungen. Metzinger will damit demonstrieren, wie bereitwillig sich unser Gehirn manipulieren lässt. Doch mehr als die wenig aufregende Tatsache, dass unsere Wahrnehmungsurteile fehlbar sind, kann damit nicht gezeigt werden.

Viel interessanter sind die in erfrischend unkomplizierter Weise dargestellten Ergebnisse der Hirnforschung, in denen der Prozess beschrieben wird, der im Gehirn vonstatten geht, wenn wir meinen, wir würden aus dem Nichts heraus frei entscheiden und eine bestimmte Handlung vollziehen. Was im Gehirn geschieht, bevor der Handelnde den Entschluss fasst, bleibt für ihn selbst im Dunkeln. Der Handlungsentschluss ist die Grenzlinie zwischen unbewussten und bewussten Vorgängen im Gehirn. Dass das Gehirn im Vorfeld solcher Entschlüsse manipulieren muss, ist eine Notwendigkeit: Die Fülle von Informationen, die ständig auf uns einströmt, würde zu einem Wahrnehmungskollaps führen, wenn sie nicht vom Gehirn – für uns unbewusst – gefiltert, geordnet und für bestimmte Situationen zur Ermöglichung weiterer Wahrnehmungen bereitgestellt würde. Solche Vorgänge bilden den Untersuchungsgegenstand von Neurophysiologen.

Diese Forschungsergebnisse verleiten nicht nur Metzinger zu der Annahme, dass die Vorstellung vom freien Handeln eine Illusion sei. Wir müssten umdenken und ein neues Menschenbild entwerfen, eine „neue und umfassende Anthropologie“ aufbauen. Diese Forderung kann uns beim Blick zurück in die Philosophiegeschichte nicht besonders erregen, denn schon die antiken Stoiker behaupteten, dass menschliches Handeln ausnahmslos determiniert sei. Und so ging das weiter durch die Jahrhunderte. Sigmund Freud sprach von den Kränkungen, die den Menschen in ihrem Selbstbild jedes Mal beigebracht wurden. Freud selbst hatte dem Ego nachweisen wollen, dass es nicht Herr im eigenen Haus sei. All diese Kränkungen hat unser Selbstbild unbeschadet überstanden. Interessant ist, dass jedes Mal eine neue Ethik für den neuen Menschentyp gefordert wurde, also eine Lehre darüber, wie man richtig zu handeln habe, obwohl doch alles vorherbestimmt sei.

Eine neue Ethik fehlt auch bei Metzinger nicht. Inzwischen wissen wir, dass die Menschen durch Reizungen bestimmter Gehirnregionen oder durch Einnahme von Psychopharmaka mit den Szenenamen Venus, Nexus, Blue Mystic, T7 ihren Habitus zeitweise verändern können. Diese Drogen sind auf dem illegalen Markt erhältlich. Metzinger fragt zu Recht, ob wir nicht unsere Drogenpolitik ändern müssten. Bisher hätten wir noch kein akzeptables Verfahren, damit umzugehen. Dieses müsste sich von dem Ziel leiten lassen, die Risiken zu minimieren und vom potenziellen Nutzen zu profitieren, wie etwa zeitweise die Konzentration zu steigern, was für Notfallchirurgen oder Langstreckenpiloten sinnvoll wäre. Mit der Frage, ob solche Eingriffe erlaubt seien, befasst sich die Moralphilosophie unter dem Namen Neuro-Enhancement seit Längerem – bisher ergebnisoffen.

Karl-Ludwig Baader

Autor

Thomas Metzinger

Titel

Der Ego-Tunnel

Untertitel

Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik

Verlag


Berlin Verlag

Seitenzahl


78 Seiten

Preis

26 Euro

Jutta Rinas 25.01.2010
26.01.2010