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Kultur „Wir sind die Hofnarren“
Nachrichten Kultur „Wir sind die Hofnarren“
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00:15 18.02.2014
Von Stefan Arndt
Foto: Der Sänger Thomas Quasthoff gibt einen Heine-Liederabend in Hannover.
Der Sänger Thomas Quasthoff gibt einen Heine-Liederabend in Hannover. Quelle: Rival
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Hannover

Fast 40 Jahre hat Thomas Quasthoff als Sänger auf allen großen internationalen Bühnen das Publikum begeistert. Trotzdem er sich 2012 von seiner Sängerkarriere verabschiedete, ist er der Musik tief verbunden. Am Sonnabend rezitierte er Texte von Heinrich Heine, während der Bariton Florian Boesch Lieder von Schumann, Schubert und Liszt nach Texten von Heinrich Heine sangen. Unser Autor Stefan Arndt sprach mit dem gebürtigen Hildesheimer vor seinem Auftritt.

Herr Quasthoff, Sie kommen für einen Liederabend nach Hannover – beschränken sich aber aufs Vorlesen. Werden Sie das Singen wirklich ganz Ihrem Kollegen Florian Boesch überlassen?
Aber ja, ich habe vor zwei Jahren endgültig mit klassischer Musik aufgehört und gehöre nicht zu den Leuten, die den Rücktritt vom Rücktritt erklären. Ich singe ab und zu ein paar Jazzstücke, aber keine ganzen Konzerte mehr.

Ist es ein Unterschied, ob man einen Text durch die Vertonung eines Komponisten kennenlernt oder ob man ihn nur liest?
Ich war nie ein Sänger, der zuerst aufs Legato geachtet und den Text nur als eine Art Anhängsel betrachtet hat. Ich weiß, dass es solche Kollegen gibt, aber ich wollte immer die Farbigkeit der Stimme nutzen. Das mache ich nun auch beim Lesen. Zwischen einem gesungenen und einem gesprochenen Text ist kein so großer Unterschied.

Thomas Quasthoff gestaltete mit dem Bariton Florian Boesch und dem Pianisten Justus Zeyen einen Heine-Abend im Funkhaus Hannover.

Wenn Sie auf Ihr Sängerleben zurückblicken: Was waren für Sie Gipfelpunkte?
Da gibt es viel: Bach-Kantaten, die „schöne Müllerin“, die „Winterreise“ mit Daniel Barenboim, Konzerte in der Scala, die Saisoneröffnung in der Carnegie Hall zehn Tage nach den Attentaten vom World Trade Center – das werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Wenn mir jemand vor 30 Jahren erzählt hätte, dass ich mehr als 40-mal in der Carnegie Hall auftreten würde, hätte ich das nie geglaubt. Dafür empfinde ich eine wirklich tiefe Dankbarkeit. Ich kenne Kollegen, die verbittert sind, nachdem sie ihre Karriere beendet haben. Ich habe all die positiven Eindrücke, daher ist das bei mir überhaupt nicht der Fall.

Sie haben viele Liederabende in guter Erinnerung. Auf dem Konzertmarkt hat es das Lied heute oft schwer ...
Ich glaube, dass für Liederabende zu oft Leute eingeladen werden, die musikalisch nichts zu sagen haben.

Hört man das bei einem Sänger denn eher als etwa bei einem Pianisten?
Ja. Das technische Rüstzeug von Pianisten ist besser als das von hochgepushten Sängern. Es ist ein Problem, dass viele bekannte Opernsänger denken, sie könnten auch Liedplatten aufnehmen, nur weil sie eine gute Stimme haben. Das alleine reicht aber nicht. Und selbst bei arrivierten Liedsängern gibt es noch große Qualitätsunterschiede. Früher haben die Leute zum Beispiel Rudolf Schock verehrt. Wenn man das heute hört, denkt man, er ist die Karikatur eines Sängers.

Gibt es im Rückblick überhaupt Sänger, die heutigen Maßstäben standhalten? Viele mögen ja Dietrich Fischer-Dieskau auch nicht mehr ...
Das aber zu Unrecht. Ich wünschte, ich hätte diese Pianokultur gehabt. Fischer-Dieskau ist zumindest für alle Baritone ein großes Vorbild, allein wegen seines riesigen Repertoires. Allerdings hat er es auch etwas einfacher gehabt als heutige Sänger. Nach dem Krieg hatte er fast keine Konkurrenz, und es gab ein Bedürfnis nach Kunst und Kultur, das viel größer war, als es heute ist.

Haben Sie das Gefühl, dass diese Entwicklung weitergeht? Interessiert sich bald niemand mehr für Klassik?
Nein. Aber es hat schon mit Qualität zu tun. Die Konzerte der Berliner Philharmoniker sind immer voll, egal, was sie spielen. Warum ist das so? Weil die Konzerte immer großartig sind.

Und was ist mit kleinen Theatern und Orchestern, die das nicht so verlässlich leisten können?
Auch die sind wahnsinnig wichtig. Wir haben doch alle in kleinem Rahmen mit Kirchenkonzerten angefangen. Hier können die Stars von morgen erste Erfahrungen sammeln. Aber das wird tatsächlich immer schwieriger. Hier gibt es ein Problem. Und ich finde, der Staat ist da schon in der Pflicht.

Es gibt auch private Kulturveranstalter, die zu kämpfen haben. Da kann der Staat ja nichts machen ...
Manches läuft in bestimmten Städten, und manches läuft eben nicht. Das hängt mit den Künstlern zusammen, die man einlädt. Doch da steckt der Teufel im Detail, es geht nicht nur um Bekanntheit. Das Publikum ist heute viel sensibler dafür, wenn nur etwas abgeliefert wird. Auf der anderen Seite geht es aber wohl auch um Glamour: Warum fahren die Leute massenhaft nach Salzburg? Die Stadt ist ja ganz schön, aber das Musikfestival ist eine Aneinanderreihung von Events, bei denen es nur nebenbei um Musik geht.

Welches Festival sollte man besuchen?
Ich finde zum Beispiel das von Verbier schön. Da geht es nicht nur um Schicki-micki, auch wenn man jedes Festival finanzieren muss. Aber dort werden die Künstler sehr gut behandelt. In Salzburg ist das anders: Da sind wir die Hofnarren für die reichen Leute. In Verbier werden die Musiker und Festivalfreunde nach dem Konzert eingeladen, und man sitzt beim Wein zusammen. In Salzburg muss man zusehen, dass man noch ein Taxi findet, das einen nach Hause bringt.

Zur Person

Thomas Quasthoff wurde 1959 mit einer Conterganschädigung in Hildesheim geboren. Er absolvierte eine private Gesangsausbildung bei Charlotte Lehmann in Hannover. 1988 startete er mit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs eine internationale Karriere, die er 2012 aus gesundheitlichen Gründen beendete. Quasthoff lebt in Berlin, wo er als Professor an der Musikhochschule Hanns Eisler lehrt.

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