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Kultur Tiepolo-Bild kehrt zurück nach Italien
Nachrichten Kultur Tiepolo-Bild kehrt zurück nach Italien
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16:58 20.09.2010
Von Johanna Di Blasi
"Wir werden das Bild in den nächsten Tagen abholen": Die Italienersammlung des Landesmuseum hat ein Gemälde weniger. Quelle: Steiner

Mit Hochspannung und Bangen wurde am Freitag die Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle im Tiepolo-Fall erwartet. Um zehn Uhr Vormittag lag das Urteil des Senats vor: Das Land Niedersachsen muss das 1985 in Paris für die hannoversche Landesgalerie angekaufte Werk „Die Wunderheilung des zornigen Sohnes“ („Il Miracolo di Sant'Antonio“) von Giovanni Battista Tiepolo herausgeben. Das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Hannover ist damit aufgehoben. Kurze Zeit nach der Urteilsverkündigung war das Werk mit einem Schätzwert von (laut Gerichtsakte) 500.000 Euro bereits von der roten Wand im Obergeschoss des Landesmuseums Hannover abgehängt.

In der Urteilsbegründung heißt es, das Land habe an dem Kunstwerk, das nachweislich um die Jahreswende 1978/79 aus einer Pariser Privatwohnung gestohlen wurde, „nicht gutgläubig“ erworben. Sowohl die als Zeugin schriftlich vom Senat befragte Verkäuferin als auch der für das Landesmuseum handelnde Kustos hätten bei ihren jeweiligen Ankäufen aufgrund der „ungewöhnlichen Kaufumstände Verdacht schöpfen müssen“. Das Land habe nicht beweisen können, dass es sich über vertrauenswürdige Gewährsmänner von der Seriosität der Verkäuferin vergewissert habe. Zudem habe der Kaufpreis von einer Million Francs „erkennbar unter dem damaligen tatsächlichen Wert gelegen“.

Auch die erst kürzlich bekannt gewordenen Umstände des Transports sprechen laut Senat gegen das Landesmuseum. Zollformalitäten zur Deklarierung der damals noch erforderlichen Einfuhrumsatzsteuer seien umgangen worden. Die erforderliche Ausfuhrgenehmigung des Louvre sei nicht eingeholt worden. Schließlich sei durch eine vom Kustos und dem Überbringer des Werks unterzeichnete Empfangsquittung „der Anschein erweckt worden, das Land hätte das Bild von einem deutschen Käufer erworben“.

Das Land, so heißt es abschließend, habe „sich mindestens leichtfertig über nächstliegende Verdachtsmomente hinweggesetzt, wenn es die Verkäuferin für die berechtigte Eigentümerin des Bildes hielt“. Das Gemälde müsse daher an die Testamentsvollstrecker der ursprünglichen Eigentümerin, die im Laufe des Klageverfahrens verstarb, zurückgegeben werden.

Niedersachsens Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Johanna Wanka, sagte dazu gestern: „Wichtig für das Verständnis dieses sehr komplexen Falls sind die Gepflogenheiten des Kunsthandels von vor über 25 Jahren. Provenienzforschung, wie sie heute betrieben wird, war damals nicht vorstellbar.“ Die Ministerin kündigte einen Leitfaden für „idealtypische“ Museumsankäufe an.

Auch die SPD-Fraktion im niedersächsischen Landtag bezog gestern Stellung zu dem Tiepolo-Prozess. Das Landesmuseum Hannover und das Land Niedersachsen seien „stark beschädigt“ worden, meint die kulturpolitische Sprecherin Daniela Behrens. Die Landesregierung habe in dem Rechtsstreit, der sich acht Jahre lang hinzog, mangelnden „Willen zur Aufklärung“ bewiesen. Behrens sieht vom Celler Urteil eine Signalwirkung für alle öffentlichen Museen ausgehen, keine „krummen Geschäfte“ zu riskieren.

Auch der Berliner Kunstanwalt Peter Raue, der die Klägerseite vertrat, schreibt dem Urteil eine mögliche Signalwirkung zu. Es sei richterlich klargestellt worden, „dass Museen bei Erwerbsvorgängen gewisse Sorgfaltspflichten beachten müssen“. Juristisch sei mit dem Fall kein Neuland betreten worden. „Das Sensationelle ist nicht das Ergebnis, welches zu erwarten war, sondern der Sachverhalt, dass sich ein Museum Schmuggelware einverleibt und mit falschem Vortrag versucht, diese zu erhalten.“

Eine derart grobe Pflichtverletzung, wie sie das Land Niedersachsen hier begangen habe, wäre ihm in „40 Berufsjahren noch nicht untergekommen“. Raue kündigte an, man werde „das Werk in den nächsten Tagen abholen“.

Und was sagte der Direktor des Museums, Jaap Brakke? Gar nichts. Er ließ seinen Rücktritt verkünden und war selbst unerreichbar außer Landes. Sein Stellvertreter Martin Schmidt erklärte, das Landesmuseum habe „maßgeblich zur Aufklärung im Berufungsverfahren beigetragen“. Die damals Handelnden hätten zwar „mangelnde Sorgfalt“ bewiesen, klar sei aber auch, „dass vor 25 Jahren gänzlich andere Rahmenbedingungen herrschten“. Schmidt wies auch einen Vorwurf zurück, der gar nicht erhoben wurde, nämlich, dass das Museum einen „unseriösen oder gar geheimnisvollen Umgang mit dem Bild“ gepflegt habe. Man habe es vielmehr, wie jedes andere Werk auch, offen präsentiert. Rätselhaft erscheint Schmidt, dass die Klägerfamilie nicht früher reagierte. Der Ankauf sei 1986 in der „Gazette des Beaux Arts“ publiziert gewesen. „Hier wurden offenkundige Chancen einer frühen Aufklärung vertan“, so der stellvertretende Direktor.

Prozessbeobachter überraschte das Urteil nicht. Erstaunt hingegen waren sie darüber, dass der Vorsitzende Richter in Celle, Bernhard Heile, bereits bei der abschließenden Verhandlung eine deutliche Tendenz hatte anklingen lassen.

Die Angelegenheit betrifft längst nicht mehr nur das Landesmuseum und das Land Niedersachsen. Eine ganze Reihe namhafter Kunstexperten sind während des langen Prozessverlaufs als Gutachter bestellt worden. Das waren unter anderem Martin Roth, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden, Jan Kelch, der ehemalige Direktor der Gemäldegalerie Berlin, oder Ekkehard Mai, der ehemalige Direktor des Wallraf-Richartz-Museums Köln. Kelch hatte noch während des erstinstanzlichen Prozesses kritisiert, dass das hannoversche Museum in zwei Punkten – „Risikobereitschaft im Umgang mit der Händlerin“ und „Exportformalitiäten“ – die Sorgfaltspflicht verletzt habe. Überwiegend aber wurde dem Museum von Experten bescheinigt, gemäß der branchenüblichen „Gepflogenheiten“ gehandelt zu haben.

Der jetzige Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, Andreas Blühm, stand mit dem damaligen hannoverschen Museumsdirektor Hans Werner Grohn und dem Kustos Meinolf Trudzinski in freundschaftlichem Austausch, als der Tiepolo angekauft wurde. „Ich habe das hautnah miterlebt. Es gab keinerlei schlechtes Gewissen, sonst hätte man das Werk nicht sofort danach publiziert und an internationale Ausstellungen entliehen.“ Weiter sagt Blühm: „Das Bild war ein Ladenhüter. Es ist darauf ein abgehackter Fuß zu sehen. Kein Privatsammler möchte so etwas ins Wohnzimmer hängen. Für das Landesmuseum aber war es eine gute Gelegenheit, seine schöne Italienersammlung zu ergänzen.“

Wenn er die Studie heute auf der Maastrichter Kunstmesse Tefaf für 150 000 Euro hängen sähe, würde ihn das nicht wundern, sagt der Kölner Museumsmann, sie könnte aber auch mit 1,5 Millionen angeschrieben sein, die Kunstpreise spielten oft verrückt. Über die Verkäuferin des Tieopolos, Grati Baroni de Piqueras, weiß Blühm: „Man kannte sie im Louvre. Pierre Rosenberg, der damalige Direktor des Louvre, kannte sie.“ Dass der vor 25 Jahren getätigte Kauf nun rückblickend als unseriös gebrandmarkt werde, findet der Wallraf-Direktor „unfair“.

Stefan Koldehoff, Kölner Experte für Raubkunstfragen, meint, an den Gepflogenheiten im Kunsthandel habe sich in den zurückliegenden 25 Jahren nichts grundlegend geändert – außer, dass Internetdatenbanken manche Nachforschungen vereinfachten. „Mir ist auch nicht bekannt, dass sich seit den achtziger Jahren irgendwelche ethischen Grundlagen stark verändert hätten.“ Was man aus Hannover erfahre, „sei kein Verhalten, das man der öffentlichen Hand zutrauen würde“, so Koldehoff.

Als besonders heikler Punkt erscheint die Art der Prozessführung auf Landesseite. Peter Raue spricht sogar von „versuchtem Prozessbetrug“. Konkret wirft der Anwalt dem Land Niedersachsen vor, es habe mit „vorsätzlich falschem, wahrheitswidrigem Vortrag versucht, den Eindruck eines seriösen Erwerbes zu erzeugen“. Damit sei es gelungen, den Prozess vor dem Landgericht Hannover in erster Instanz für sich zu entscheiden.

Zudem seien dem Gericht Zeugen jahrelang verschwiegen worden, dafür habe man Papiere „erfunden“. So habe das Land vor Gericht vorgetragen, das Kunstwerk sei nach Vorlage der Einfuhrpapiere und Zahlung der Einfuhrumsatzsteuer nach Deutschland und in seinen Besitz gekommen. Diese Papiere seien laut Erklärung des Landes aber nach zehn Jahren vernichtet worden.

Die Befragung eines Zeugen, dessen Namen die Landesseite erst vor wenigen Monaten herausrückte, eines gewissen Wolfgang Gäfgen, Kunstmaler aus Esslingen, ergab jedoch, dass das Bild am Zoll vorbeigeschmuggelt wurde – und zwar von Gäfgen persönlich. Dieser war bei dem Deal Vermittler und Kurier. Und er war seinerzeit der Verlobte der Tochter jener Dame, die das Werk an das Landesmuseum verkaufte. Die Verkäuferin, Grati Baroni de Piqueras, muss nun damit rechnen, dass das Landesmuseum die damals gezahlte Summe von einer Million Francs (damals rund 328 000 Mark) zurückfordern wird.

Bei dem unglücklichen Kunstkauf wurde ausgerechnet mit Stiftungsgeldern eines jüdischen Bürger Hannovers, des Kommerzienrats Georg Spiegelberg, ein Werk erworben, das wenige Jahre zuvor aus der Pariser Ferienwohnung der italienisch-jüdischen Industriellenfamilie Modiano geraubt worden war. Die Geschädigten haben den Diebstahl bei der Polizei angezeigt. Erst 2001 fanden sie heraus, dass das Bild in Hannover hängt. 2003 reichten sie die Klage um Herausgabe ein.

Dass das Geld seinerzeit in Hannover rechtzeitig für den Ankauf des Tiepolo-Werks sowie eines Landschaftsgemäldes von Claude Lorrain, das der damalige Museumsdirektor Hans Werner Grohn zeitgleich in London erwarb, bereitstand, hatte auch eine tragische Komponente: Die Spiegelberg-Erbin war Weihnachten zuvor ermordet worden.

Peter Raue meint, die Modiano-Erben hätten sich um eine gütliche Einigung bemüht. „Wir haben gesagt, man kann das Bild bei Christie’s versteigern, und jede Seite bekommt 50 Prozent des Erlöses, doch alle Angebote wurden ausgeschlagen.“

Um künftig mehr Transparenz in deutsche Museen zu bringen, veranstaltet die VW-Stiftung im November einen Raubkunstgipfel mit dem Titel: „Erblickt, verpackt und mitgenommen – Herkunft der Dinge im Museum“. Zum Symposium ist neben Hermann Parzinger (Stiftung Preußischer Kulturbesitz) und Gilbert Lupfer (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) auch Claudia Andratschke, Provenienzforscherin am Landesmuseum, eingeladen. Austragungsort ist das Sprengel Museum. Hannover ist mit dem Thema noch lange nicht fertig.

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