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Martin Schmidt: „Ich bin aus allen Wolken gefallen“
Nachrichten Kultur Martin Schmidt: „Ich bin aus allen Wolken gefallen“
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08:00 18.09.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Martin Schmidt
Martin Schmidt, Stellvertreter von Jaap Brakke. Quelle: Steiner
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Herr Schmidt, das ist ein merkwürdiges zeitliches Zusammentreffen. Heute verkündet Jaap Brakke, der Direktor, seinen Rücktritt, und heute hat das Oberlandesgericht sein Urteil gefällt, wonach das Landesmuseum den Tiepolo an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeben muss. Können Sie dieses Zusammentreffen erklären?

Nein, das kann ich nicht erklären. Ich bin genauso aus allen Wolken gefallen wie Sie.

Wie geht es nun weiter mit dem Landesmuseum?

Die Ministerin war heute morgen da. Sie hat erklärt, dass die Stelle ausgeschrieben wird und möglichst schnell wiederbesetzt werden soll. Bis dahin werde ich zusammen mit meinem Kollegen Steffen Färber das Haus kommissarisch leiten.

In der Vergangenheit wurde dem Haus mangelnde Ausstellungstätigkeit vorgenommen. Woran lag das?

Ich denke, man hat zu früh zu viel von Herrn Brakke verlangt. So eine Ausstellung macht sich ja nicht von selbst. Herr Brakke hatte eine ganze Menge Projekte in Vorbereitung. Man hätte vielleicht noch ein Jahr Geduld haben sollen.

Was braucht das Haus jetzt am nötigsten?

Vertrauen und auch ein bisschen Wohlwollen. Im Zusammenhang mit dem Tiepolo-Prozess ist vielleicht der Eindruck entstanden, dass hier am Landesmuseum nur inkompetente Leute arbeiten. Das ist natürlich Unsinn. Ich muss auch sagen, dass wir sehr enttäuscht sind über den Ton, in dem in letzter Zeit über uns berichtet wurde.

Denken Sie, dass der Ruf des Landesmuseums durch den Prozess Schaden genommen hat?

Das ist nicht auszuschließen. Die Außenwirkung war nicht gut. In dem Prozess wurde das Landesmuseum von Klägerseite als der Bösewicht dargestellt. Wir sehen das natürlich differenzierter.

Ihre Argumentation ist, dass das Landesmuseum die Existenz des Tiepolos nie verheimlicht habe.

Das Landesmuseum hat das Bild nie irgendwie versteckt. Wir kaufen Bilder ja, um sie der Öffentlichkeit zu zeigen.

Mit dieser Argumentation antworten Sie auf einen Vorwurf, der gar nicht erhoben wurde. Es geht doch um die damalige Ankaufspraxis.

Ich gehe davon aus, dass das Landesmuseum das Werk in gutem Glauben erworben hat. Aber ich kenne die damaligen Verhältnisse nicht. Ich war nicht dabei.

Könnte so ein problematischer Ankauf heute auch noch passieren?

Man soll zwar nie nie sagen, aber ich denke doch, dass das heute so nicht mehr möglich wäre. Wir haben heute so ausgefeilte Prüfkriterien und so viele Datenbanken, die es damals einfach noch nicht gab. Heute würden wir von jedem Kauf Abstand nehmen, wenn es nur den Hauch eines Zweifel gäbe.

Sie haben vor einigen Jahren eine Stelle für Provenienzforschung am Landesmuseum eingerichtet. Reicht eine Stelle aus?

Ja, sie reicht aus. Es ist ja nicht so, dass alle Bilder, die wir haben, plötzlich extrem infrage stehen. Wir sind froh, dass wir die Stelle haben und dass sie finanziert ist. Wir waren eines der ersten Häuser, die eine Stelle für Provenienzforschung eingerichtet haben.

Wie viele Werke in Ihrem Haus sind von zweifelhafter Provenienz?

Wenn es solche Werke gibt, werden diese von unserer Provenienzforscherin gefunden. Aber haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich zu Zahlen nichts sagen kann. Ich bin erst seit ein paar Stunden als Geschäftsführender Direktor tätig.

Johanna Di Blasi 18.09.2010