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Kultur Tim Bendzko begeistert im Theater am Aegi
Nachrichten Kultur Tim Bendzko begeistert im Theater am Aegi
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20:05 29.10.2014
Tim Bendzko begeistert mehr als 1200 Zuschauer im Theater am Aegi. Quelle: Wilde
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Hannover

Ein böses Klischee sagt, Frauen suchten im Leben zwei Arten von Männern: Einen rücksichtslos Derben für Abenteuer und einen liebevoll Braven zum Heiraten. Tim Bendzko ist sicherlich Letzterer, mit seinen blonden Minilöckchen ist er so süß wie ein Golden Retriever, und mit seiner charmant-jungenhaften Art so ein Frauentyp wie Schauspieler Matthias Schweighöfer – nur eben als Sänger.

Bendzko startet im ausverkauften Theater am Aegi seine „Mein Wohnzimmer ist dein Wohnzimmer“-Tour und feiert einen Arbeitserfolg: fast zweieinhalb Stunden Spielzeit mit fünf Zugaben plus eine Castingshow plus ein Paar, das jetzt zusammenzieht. Letzteres geht so: Bendzko sucht für sein Lied „Sag einfach Ja“ im Publikum „ein Pärchen, das jetzt den Schritt in Richtung Hochzeit machen soll“. Hauruck. Das im Ausschlussverfahren („Alle Paare mal aufstehen!“) ermittelte Paar der Generation Maybe steht da in Reihe 3, ist aber noch gar nicht so weit: „Wir sollten vielleicht erst mal zusammenziehen“, sagt er, Karohemd, nickend bestätigt von seiner perlenbeohringten Freundin. Bendzko singt das Heiratslied trotzdem. Am Ende fragt der Freund tatsächlich: „Schatz, willst du eine Wohnung mit mir?“

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Mit sanften Gitarren und verspielten Klavierpassagen: Im Theater am Aegi singt Bendzko von Beziehungen, Träumen und der Zukunft.

Eine Wohnung, genauer gesagt ein Wohnzimmer, richtet an diesem Abend auch Bendzko im Theater am Aegi her, mit Dutzenden bunten Lampenschirmen und roten Sofas für die heimelige Atmosphäre. Der 29-Jährige präsentiert Lieder aus seinen drei Alben, viele davon neu und überzeugend opulent arrangiert. Es gibt Samba, Rock und eine technisch perfekte Akustikversion von „Unter die Haut“.

Der Berliner, den Kritiker als Vertreter der neuen Spießigkeit sehen, gibt sich unspektakulär, ist schlacksig und wiegt sich meist selbst sanft im Takt. Bendzko bezieht sein Publikum intensiv in seine Show ein, holt hier mal einen Fan auf die Bühne, fragt dort, wer von wo angereist ist, und zeigt mit vielen humorigen Elementen, dass er sich selbst nicht so ernst nimmt. „Sind auch Männer da?“, fragt Bendzko ins Publikum, und einige stehen auf. „Sind auch Single-Männer da?“ Keiner steht auf. Bendzko schluckt, aber lächelt.

Am Schluss sucht Bendzko musikalische Talente, wieder mit angenehmer Selbstironie. „Es gibt ja so viele Castingshows“, setzt er an, „und zu unseren Konzerten kommen ja auch viele Leute.“ Deshalb darf auf jedem Konzert, also an insgesamt 14 Terminen, jemand a cappella ein Lied singen. Bendzko wählt am Ende einen Favoriten für eine Aufnahme im Studio aus. An diesem Abend darf eine 17-Jährige ran: Sie singt allein vor 1200 Menschen.

Auch Bendzko sammelt damit Sympathiepunkte. Die hatte er schon vorher, denn seine klare, warme Stimme ist perfekt. Doch seine Songs um Liebe, Selbstfindung und die Koketterie des manchmal hilflosen Frauentrottels wirken abgespult: zu fühlen was er singt, scheint er kaum. „Ich will dein Herz erweichen“ beteuert er zwar im Lied „In dein Herz“, und Schwiegermuttertraum Bendzko kann dabei in viele leuchtende Frauengesichter blicken. Er scheint das zu sagen, was Frauen gern hören – zumindest die, die eben den liebevoll Braven zum Heiraten suchen.

von Sabrina Mazzola

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