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Kultur „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ feierte Premiere
Nachrichten Kultur „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ feierte Premiere
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21:00 23.11.2009
Von Jutta Rinas
Auf hoher See: Timm Thaler (Sebastian Kaufmane), Kreschimir (Christoph Müller) und Herr Rickert (Harald Schandry, v. li.).
Auf hoher See: Timm Thaler (Sebastian Kaufmane), Kreschimir (Christoph Müller) und Herr Rickert (Harald Schandry, v. li.). Quelle: Ribbe
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James Krüss’ Märchen von Timm Thaler, der sein Lachen an den Teufel verkauft und danach jede beliebige Wette gewinnt, ist eine der berühmten Geschichten der Kinderliteratur. 1962 nahm Krüss Motive aus Chamissos romantischem Märchen über Peter Schlemihl auf, der aber nicht sein Lachen, sondern seinen Schatten an den Teufel verkauft. Heute erinnern sich Erwachsene möglicherweise am ehesten an die Timm-Thaler-Verfilmung mit Tommi Ohrner und dem finsteren Bösewicht Horst Frank, die 1979 als 13-teilige Weihnachtsserie im ZDF ein Straßenfeger wurde.

Jetzt hat das Schauspiel Hannover die Geschichte als großes vorweihnachtliches Familienstück für Kinder ab acht Jahren auf die Bühne gebracht: in einer Inszenierung von Christian Tschirner, die durch eine feinsinnige, oft ironisch gebrochene Figurenführung besticht, durch Witz, Tempo und durch eindrucksvolle Bühnenbilder. Es ist allerdings ein sehr erwachsener Blick, den Tschirner auf das Jugendbuch wirft. Und es ist einer, der der Seele des Stücks, dem Glauben des Moralisten Krüss an das Gute im Menschen, an Gefühle wie Liebe, Sehnsucht und Hoffnung, allzu oft eher kühl begegnet.

Tschirner, Dramaturg und Regisseur, der unter Lars-Ole Walburg „Das Ende vom Roten Menschen“ inszenierte, hat das Stück erst zweieinhalb Wochen vor der Premiere von der Leiterin des Jungen Schauspiels, Heidelinde Leutgöb, übernommen. Diese hatte die Regie wegen einer schweren Erkrankung in ihrer Familie abgegeben.

Dass Tschirner dem Roman eher distanziert gegenübersteht, macht eine Schlüsselszene seiner Inszenierung deutlich. Timm fragt seinen Gegenspieler, Baron Lefuet (dessen Nachname von hinten gelesen das Wort Teufel ergibt), warum er das Lachen des Jungen so begehrt. Sein Lachen habe Timm durch so viele böse Unbegreiflichkeiten hindurchgerettet, dass es gehärtet sei wie ein Diamant, antwortet der Teufel: „Dieses Lachen ist unzerstörbar.“ „,Aber ich bin zerstörbar, Baron‘, entgegnete Timm sehr ernst“, heißt es darauf bei Krüss.

In der hannoverschen Inszenierung dagegen reagiert der Junge cool. „Das klingt ein bisschen kitschig“, sagt er. Tschirner lässt Thaler mit so einem Satz nicht nur des Teufels Worte kommentieren, sondern kritisiert auf einer Metaebene auch den Ton der Romanvorlage, den für Krüss so typischen, manchmal etwas sentimentalen oder pathetischen, aber eben auch sehr anrührenden Stil.

Diese distanzierte Haltung ist der Grund dafür, dass einen Sebastian Kaufmanes Timm Thaler so merkwürdig unberührt lässt, obwohl er ihn ausdrucksstark und differenziert spielt. Die Gefühle des Jungen, seine kindliche Naivität, seine Verzweiflung, als der Vater stirbt, sein Hass auf die Stiefmutter, seine Einsamkeit – allesamt Gründe dafür, sein Lachen überhaupt erst zu verkaufen – werden zu wenig entwickelt.

Dass das Stück trotzdem funktioniert, liegt an den vielen ebenso phantasievollen wie witzigen Einfällen von Tschirner und seinem Dramaturgen Aljoscha Begrich, mit denen sie die Romanvorlage ausschmücken. Höchst amüsant ist beispielsweise die Szene, als die (Stoff-)Katze des Matrosen Jonny hingebungsvoll den Song der Carpenters „Close to you“ schmettert (einfühlsam begleitet von den Musikern um Sven Kaiser).

Eindrucksvoll ist auch der Teufel/Baron, den Rainer Frank als abgründigen Geschäftsmann gibt, mit einem diabolischen Lachen, das sich zu Beginn des zweiten Teils sogar zu einer Arie im Stil des Sängers Klaus Nomi entwickelt. Auch die Nebenfiguren wie Kreschimir (Christoph Müller), Herr Rickert (Harald Schandry) und Frau Rhaler (Harriet Kracht) sind gut besetzt. Das Bühnenbild, ein meterhoher Quader von Renate Schuler, ist eine bezaubernde Wundertüte, die sich in ein riesiges Schiff, ein schwarzes Teufelsriff und vieles andere verwandeln kann.

Das Premierenpublikum war begeistert: großer Applaus.

Weitere Termine im November: 24., 25., 26. um 11 Uhr, am 26. auch um 18 Uhr, 29. um 13.30 und um 17 Uhr, 30. um 11 Uhr. Karten unter (05 11) 99 99 11 11.

Von Jutta Rinas