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Kultur Tipps für den documenta-Besuch in Kassel
Nachrichten Kultur Tipps für den documenta-Besuch in Kassel
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06:15 17.08.2012
„The Refusal of Time“: William Kentridge ist einer der großen Stars der documenta 13 – und taucht in seiner Video-Installation auch persönlich auf. Quelle: dpa
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Nicht bloß Fliegen

WER?  Pratchaya Phinthong (Thailand)

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WAS? „Sleeping sickness“

WO? Fridericianum

Von Sonja Fröhlich

Ein Sockel, darauf ein Glaswürfel, darin ein heller Spot. Hier hat der thailändische Künstler Pratchaya Phinthos sein Werk gravitätisch in Szene gesetzt, als ginge es um einen lupenreinen Mehrkaräter. Menschen kommen näher, gucken zweimal hin. Erstaunen, fragende Blicke, Enttäuschung. Was ist das? Zwei tote Fliegen! Je nun. Was will uns der Künstler damit sagen? Nur eine tote Fliege ist eine gute Fliege? Dass man Kunst mit einfachen Mitteln selbst gestalten kann? Oder will er die Sterblichkeit von Beziehungen dokumentieren, wenn Paare wie Fliegen um einander schwirren?

Wer den Text auf der Tafel liest, merkt, dass es um ein weitaus bedeutenderes Thema geht. Es handelt sich nämlich um zwei Tsetsefliegen: Ein fruchtbares Weibchen, Trägerin der Schlafkrankheit, und der sterile Gemahl. Jetzt sind beide im Tod vereint, erstarrt zu einem Stillleben, fast wie ein Exponat aus dem Naturkundemuseum. Oder eine stille Mahnung. „Sleeping sickness“ beschäftigt sich mit der epidemischen Schlafkrankheit in weiten Teilen Afrikas, mit der Tsetsefliegen jährlich Tausende Menschen infizieren. Das Fliegenpaar im Kasseler Fridericianum symbolisiert ein Projekt, das in Äthiopien, Tansania und Sambia weitergeht. Phinthong hat die Länder besucht und kostengünstige, nachhaltige Fallen verteilt, die dazu beitragen, die Fliegenpopulation einzudämmen und der Krankheit vorzubeugen.
„Sleeping sickness“ ist ein großartiges Beispiel dafür, wie Forschung Kunst sein kann und dass Kunst beides sein kann – ästhetisch und selbstlos. Und Humor scheint der Künstler auch zu haben.

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Nichts tun und darüber nachdenken

WER?   Song Dong (China)

WAS? „Do nothing Garden“

WO?  Karlsaue

Von Heidi Senska

Kunst versetzt Berge. Oder errichtet sie an Orten, die normalerweise mit Bergen nichts am Hut haben. Mitten in die barocke Sichtachse der Orangerie hat der chinesische Konzeptkünstler Song Dong Alltagsabfälle, Bauschutt, Holz und Kies zu einem Hügel aufschichten und ihn anschließend bepflanzen lassen. Dort, wo Besucher der Karlsaue zuvor Hunderte Meter bis zum Aueteich blicken konnten, versperrt ihnen ein Erdhügel seit einigen Monaten die Sicht. Wer es nicht anders kennt, dem fällt der grüne Hügel in der grünen Landschaft wahrscheinlich nicht sofort ins Auge. Doch einige Kasseläner konnten sich mit diesem „Schrotthaufen“ in ihrer geliebten Aue nicht so recht anfreunden. Prompt war die alte Diskussion im Gange: „Ist das Kunst?“ – „Kann das nicht jeder?“ Mach einer wünschte sich wohl auch: „Kann das nicht weg?“

Dabei verhält sich der „Do nothing garden“ – so lautet der offizielle Titel des Schrotthaufens –  überhaupt nicht wie ein Fremdkörper. Er lädt ein zum Verweilen, zum gegenwärtig viel geforderten Entschleunigen, ja, zum buchstäblichen Nichtstun und zum Philosophieren über Selbiges: „Das Nichtstun ist vergeblich. Aber das Tun ist auch vergeblich. Auch wenn es vergeblich ist, muss es getan werden“ – verkünden Neonzeichen in der Dunkelheit. Denken Sie mal drüber nach!

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Erdhügel, leere Räume, Tsetsefliegen - die documenta 13 bietet viele spannende Themen.

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Da fehlt doch was

WER?  Ceal Floyer (England)

WAS? „Til I get it right“

WO?   Fridericianum

Von Volker Wiedersheim

Was ist Minimalismus? Das Reduzierte. Das Verschwindende. Das Wenige im Grenzbereich zum fast nichts. Und in der Kunst? Etwa im Großen und ganzen das kleinere Übel? Von wegen! Mein Documenta-13-Favorit ist Ceal Floyers Klanginstallation „Til I get it right“. So minimalistisch im Ansatz, dass nicht nur die Großartigkeit vielen verborgen bleibt. Sondern die Installation selbst übersehen wird. Warum? Na, es gibt gar nichts zu sehen. Nur zu hören. Aber einen Klang kann man nicht in einem Rahmen an die Wand hängen und gediegen ausleuchten.

Ceal Floyers „Til I get it right“ steht für die meisten Documenta-Besucher im Fridericianum ganz am Anfang. Reinkommen, rechts schwenken und rein in den ersten Austellungsraum. Ein Schuhkarton von einem Raum, vielleicht fünfmal drei Meter in der Fläche, vier Meter hoch. Die Wände weiß. Und außer dem Weiß sind nur drei Lautsprecher zu sehen. Daraus erklingt in unendlicher Schleife ein Schnipsel Musik. Wenige Takte aus einen Lied. Sanft säuselnd, der Sound: Siebziger süß-sauer. Ein Kunstraum, aber noch kein Kunststück. Suchende, irritierte Blicke, die sagen: „Ist das Kunst? Was ist Kunst? WO IST HIER DIE KUNST?“  Viele warten noch einen Moment, Kunstsucher bewegen sich schließlich nicht hektisch. Aber irgendwann drehen sie ab. Enttäuscht.
Ich habe eine Zeit vor dem Raum gestanden und dann von denen, die herauskamen, willkürlich drei gefragt: „Wie ging doch gleich die Textzeile?“ Konnte keiner beantworten.

Aus dem Minimalismus das Maximum rausgeholt, sozusagen. Ist das jetzt Minimalismus auf der Metaeben oder „Lost in Translation“?  Vielleicht muss man das erklären (obwohl das dem Minimalismus nicht gerecht wird). Ceal Floyer hat aus Tammy Wynettes „Til I get it right“ zwei Schnipsel genommen und zur Endlosschleife zusammengefügt. Was bleibt, ist „I ‘ll just keep on / til I get it right.“ Es fehlt: „Falling in love.“ Wynette sang „I’ll just keep on falling in love / til I get it right.“ Zu Deutsch sinngemäß: Ich werd mich immer wieder verlieben, bis ich es richtig mache. Durch Floyers Amputation bleibt: Ich mach immer weiter, bis ich es richtig mache. Oder auch: Bis ich es richtig mache, mache ich immer weiter.Immer weiter, bis bei der Documenta am 16. September die Lichter
Fehlt ein Wort, oder? Nee, das ist Minimalismus.
Siehe Ceal Floyer.
Kunst ist eben auch, wenn am Ende ein Wort

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Atemberaubend

WER?  William Kentridge (Südafrika)

WAS? „The Refusal of Time“

WO?   Hauptbahnhof (Nordflügel)

Von Frerk Schenker

Der Star der documenta versteckt sich – in einer der hintersten Ecken des Kasseler Hauptbahnhofs, kurz vor dem Schrotthaufen, dort, wo selbst hartgesottene Kasseläner sich nur selten hin verirren. Doch ist William Kentridge wirklich der Star der Weltkunstausstellung? Glaubt man dem „Worldly Companions“, dem freiwilligen Besucherführer, der einen an diesem Tag durch den Hauptbahnhof geleitet, dann wird Kassel auch in 20 Jahren noch von Kentridge sprechen.

Der Südafrikaner ist ein alter Bekannter auf der documenta, doch was er in diesem Jahr in der stockdunklen Lagerhalle an Sinneseindrücken abfeuert, dürfte Kassel noch nicht gesehen haben. „The Refusal of time“ heißt die wohl spektakulärste Video-Installation der „d13“. Sie ist eine Melange aus Oper, Stummfilm, Schattenspiel und Zeichnung. Es tackert, flackert und flimmert – ein 28-minütiger Sinnesrausch. Das Pulsieren der Musik und die immer schneller werdenden Bildfolgen (in denen Kentridge in gewohnter Manier selbst erscheint) haben etwas Hypnotisierendes. Sie weren mit der Zeit so stark verdichetet, dass einem fast der Atem stockt. Und in der Mitte des Raumes pumpt und pendelt unaufhörlich die hölzerne Maschine – von Kentridge „Elefant“ getauft –, die einem das unausweichliche Davonrinnen der Zeit vor Augen führt.

Nach 28 Minuten braucht man ein wenig Zeit, um sich von der „Zurückweisung der Zeit“, so die sinngemäße deutsche Übersetzung, zu erholen. Die Sinneseindrücke aber wirken fort – und das Gefühl, dass Kassel auch in 20 Jahren von diesem Kunstwerk noch sprechen dürfte.

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Das neue Gold

WER?   Claire Pentecost (USA)

WAS? „SOIL-ERG“

WO?  Ottoneum

Von Gerd Schild

Erde ist das neue Gold. Auf diese Formel lassen sich die Arbeiten der Künstlerin Claire Pentecost aus Chicago herunterbrechen. Pentecost zeigt ihre Arbeit „SOIL-ERG“ im Naturkundemuseum Ottoneum, das unweit der weißen Kunsthalle Fridericianum und der documenta-Halle liegt. Im Erdgeschoss hat sie zahlreiche aus Humuserde gepresste Blöcke aufgebaut, die aus einiger Entfernung wie Goldbarren wirken. Die Kriege der Zukunft werden nicht von Finanzkrisen ausgelöst, sondern vom Mangel an Boden, ist sich Pentecost sicher.

Die Künstlerin verdeutlicht die Bedeutung des Bodens mit dem erdachten SOIL-ERG, einer neuen – in Brauntönen gehaltenen – Währung. Was man alles nettes mit ein wenig Boden machen kann, zeigt sich vor dem Eingang des Ottoneums. Dort haben Guerilla-Gärtner einen Palettengarten angelegt und geben kostenlose Tees aus, etwa mit frischer Pfefferminze.

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Ganz schön luftig

WER?   Ryan Gander (England)

WAS? „I Need Some Meaning I Can Memorize (The Invisible Pull)“

WO?  Fridericianum

Von Stefanie Nickel

Ich habe mich vollkommen auf Kunst eingestellt, als ich das Fridericianum in Kassel betrete – auf grelle Provokation, hintergründig Assoziatives und emotional Ergreifendes. Doch als ich den ersten Raum des klassizistischen Gebäudes betrete, laufen die Erwartungen ins Leere. Buchstäblich. Ich stehe in einem großen, lichtdurchfluteten Raum. Die Decken sind hoch, die Wände weiß und ich ziemlich ratlos. Denn von Kunst ist hier keine Spur. Ich bin ein wenig enttäuscht. Auf der rechten Seite des Raums entdecke ich ein kleines Hinweisschild. Ich widerstehe dem Drang dorthin zu laufen. Meine Überforderung will ich lieber für mich behalten. Ich gehe in den zweiten Raum. Dort hängen auch keine Bilder. Dafür bemerke ich einen leichten Luftzug.

Auf der Erde formieren sich Flusen zu einem Knäuel. Meine Freundin deutet auf das graue Etwas, das da über den Boden tanzt, und witzelt: „Vielleicht ist das ja die Kunst“. Zwei ältere Frauen denken offenbar dasselbe und fotografieren das Knäuel mit ihrer Spiegelreflexkamera. Meine Freundin und ich schauen uns an und lachen. In gewisser Weise hatte meine Freundin recht: Der englische Künstler Ryan Gander zeigt nichts Gegenständliches, sondern präsentiert eine Installation mit Wind. Gleichzeitig führt er eine Menge ratloser Leute vor.
Der Hausmeister muss seine helle Freude an der Performance haben, die die Besucher abgeben. Auf der verkrampften Suche nach Sinn haben wir den eigentlichen Sinn der Installation übersehen. Gander jedenfalls zeigt: Kunst will nicht nur verstanden, sondern auch erlebt werden.

Kultur „Kleider nicht am Körper bügeln!“ - Ausstellung aus absurden Warnhinweisen
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Uwe Janssen 13.08.2012