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Kultur Tocotronic-Retrospektive beim BootBooHook
Nachrichten Kultur Tocotronic-Retrospektive beim BootBooHook
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06:15 25.08.2012
Von Karsten Röhrbein
Foto: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow beim Open-Air-Festival in St.Gallen. Die Band Tocotronic tritt am Freitag auf dem Bootboohook-Festival auf.
 Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow beim Open-Air-Festival in St.Gallen. Die Band Tocotronic tritt am Freitag auf dem Bootboohook-Festival auf. Quelle: dpa
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Hannover

Sie haben das neue Album, das 2013 erscheinen soll, mit einer alten Vierspurbandmaschine aufgenommen. Warum?

Allein das Schlagzeug hat bei einer normalen Produktion 15 Spuren. Wir haben das Grundgerüst der neuen Songs, zwei Gitarren, den Bass und das Schlagzeug, in den Candy-Bomber-Studios in Berlin aber auf nur vier Spuren aufgenommen - so wie die Musiker vor 40, 50 Jahren. Wie ein Stück klingen soll, muss man dabei im Vorhinein entscheiden. Wir wollten uns früh auf einen Sound festlegen, um nicht hinterher den Horror der 1000 Möglichkeiten zu haben.

Von Freitag an steigt im Expo-Park das BootBooHook-Festival. Mehr als 40 Bands aus elf Ländern werden erwartet. Ein Überblick über die angekündigten Bands.

Was reizt Sie nach knapp 20 Jahren noch daran, mit Tocotronic Musik zu machen?

Das ist ein bisschen so wie die Frage, welche Ingredienzien eine glückliche Ehe ausmachen. Wir sind alle vier relativ offen, das hilft natürlich beim Musikmachen. Und wir sind sehr kritisch mit dem eigenen Werk. Wenn ich ein neues Album mache, möchte ich das vorhergehende damit korrigieren.

Sie sind nicht nur Musiker, sondern schreiben auch für die Zeitschrift „Texte zur Kunst“ und haben Hörbücher aufgenommen - unter anderem mit Erzählungen von H. P. Lovecraft. Was fasziniert Sie an seinen Horrorstorys?

Ich halte H. P. Lovecraft für sehr interessant, weil man im landläufigen Sinn sagen muss, dass er sehr schlecht schreibt. Die Sprache ist voller Adjektive, und wenn er etwas als schrecklich beschreibt, dann schreibt er meist: „Es war schrecklich.“ Oder: „Es war entsetzlich.“ Und manchmal sogar: „Es war so entsetzlich, dass ich es nicht in Worte fassen kann.“ Und somit hebelt er den Beruf des Schriftstellers aus, dessen Aufgabe es wäre, dieses Entsetzliche in Worte zu fassen. Diese Mischung aus hochgestochener, extrem blumiger Sprache und schreibtechnisch totalem Dilettantismus, dieser unbedingte Wille, einen Gesamtkosmos zu konstruieren, das finde ich wahnsinnig interessant, weil es so widersprüchlich ist.

Ihre letzten drei Alben haben Sie als „Berliner Trilogie“ bezeichnet. Entsteht da ein Tocotronic-Universum?

Das hat uns von Anfang an interessiert. Wir wollten bei aller Durchlässigkeit für andere Einflüsse und Referenzen eine private Kosmologie erschaffen. Wir fanden die Vorstellung spannend, dass man als Hörer zu einem Mitwisser wird.

1995 auf Ihrem ersten Album „Digital ist besser“ haben Sie allerdings sloganfähigen Deutschpop gemacht ...

Das wird gerne missverstanden. Als wir dieses Album gemacht haben, waren diese Slogans die allerseltsamsten. Dass das dann gezündet hat, hat uns eigentlich am allermeisten überrascht. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ etwa: Wir dachten, das ist viel zu lang, eigentümlich, dass das angenommen würde. Es war ja schon sehr ironisch gebrochen. Jemand, der Teil einer Jugendbewegung sein will, würde ja nie sagen: „Ich möchte ...“ Auch die Cordhosen und die Trainingsjacken waren damals eine völlig beknackte Uniform. Ein paar Jahre später wurde das dann populär. Aber als wir das angezogen haben, sah das einfach nur sehr schlecht aus (lacht).

Und dann haben Sie die Trainingsjacken gegen weiße, wallende Gewänder getauscht und „Eins zu eins ist jetzt vorbei“ gesungen. Waren Sie es leid, auf Slogans reduziert zu werden?

Wir sind sehr schnell unzufrieden, wenn wir merken, wir werden festgelegt auf eine Sache. Die Vorstellung, jetzt noch30 Jahre die Trainingsjacken anzuziehen und bei jedem Album ein Sloganlied machen zu müssen, so wie andere Bands noch ein Sauflied oder ein Fußballlied machen, hätte in der absoluten Depression geendet. Der Applaus, den man dafür bekommt, dass man das abliefert, was Leute hören wollen, der hätte uns nicht geschmeckt. Deshalb haben wir um 1999 rum begonnen, mit dem Album „K.O.O.K“ vertracktere Songs zu machen. Sachen, die durchproduzierter sind. Im Song „Neues vom Trickser“ manifestiert sich das am deutlichsten. Es war eine Befreiung zu merken, man muss gar nicht man selber sein, sondern man ist ganz viele. Wenn man mit einer anderen Stimme spricht, kann man eine größere Form von Wahrhaftigkeit erlangen, als wenn man mit der eigenen Stimme spricht.

Sind Sie deshalb auch Fan vom Konzept des Hochstaplers?

Der Künstler ist strukturell mit dem Hochstapler verwandt, weil man ja permanent irgendwas behaupten muss, von dem man selbst gar nicht weiß, was man davon zu halten hat. Wenn ich ein Lied schreibe, muss ich Selbstzweifel überspielen und behaupten, das Lied sei es wert, dass es andere Menschen hören. Das hat ja sehr viel von dem, was ein Hochstapler auch macht, der behauptet, er sei Bankdirektor oder Medizinalrat. Der muss ja auch daran glauben, sonst bricht das ganze Konstrukt zusammen. Jeder, der künstlerisch tätig ist, kennt das Gefühl in einem schwachen Moment, dass man denkt, bald wird dieser ganze Schwindel auffliegen. Eigentlich ständig (lacht). Außerdem finde ich die Idee witzig, dass man etwas vorgaukelt. Anders als die Leute, die sagen, sie seien ganz sie selbst, wenn sie etwas machen. Das ist doch eine schöne Gegenposition zu diesen ganzen authentischen Kühen, die draußen rumlaufen.

Wird es beim BootBooHook in Hannover einen Vorgeschmack auf das neue Album geben?

Leider nicht, wir machen beim Festival eher was Retrospektives. Wenn man bei Festivals unveröffentlichtes Material spielt, findet man das sofort bei YouTube – und das finde ich irgendwie doof.

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