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Kultur Tocotronic spielen vor 900 Fans im Capitol
Nachrichten Kultur Tocotronic spielen vor 900 Fans im Capitol
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15:28 16.04.2010
Von Dirk Schmaler
Seit 17 Jahren auf der Bühne: Tocotronic aus Hamburg
Seit 17 Jahren auf der Bühne: Tocotronic aus Hamburg Quelle: Handout
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Irgendwas stimmt nicht. Dirk von Lowtzow hat gerade die Ärmel hochgekrempelt, die ersten Gitarrenriffs gespielt und ein paar düstere Zeilen über die Schattenseiten des (Popstar-)Lebens („Eure Liebe tötet mich“) gesungen. Die 900 Besucher im Capitol klatschen artig, ein paar johlen sogar. Und doch ist der Sänger und Gitarrist der Hamburger Band Tocotronic nicht in Stimmung. Oder besser gesagt: Seine Gitarre ist es nicht. Minutenlang dreht von Lowtzow mit gesenktem Kopf an den Mechaniken herum. Keiner auf der Bühne erzählt einen Witz, keiner denkt sich ein Spielchen aus. Es bleibt ruhig. Als die ersten Fans unruhig werden, sagt von Lowtzow nur: „Keine Angst: Wir ziehen das nicht von der Spielzeit ab.“ Dann schraubt er still und akribisch weiter an seinem Instrument. Er wiederholt dieses Prozedere nach jedem der ersten drei Songs.

Früher passte eine Tocotronic-Gitarre, wenn sie nur laut genug war. Der sympathische Dilettantismus war neben den sloganhaften Texten das Markenzeichen der Band. Doch das war in den Neunzigern – „eine wunderbare Zeit, an die wir uns leider nicht erinnern“, wie von Lowtzow dem Capitol-Publikum zuruft. Dann zeigt er den vielen Mittdreißigern vor der Bühne, was sich seit den Hamburger-Schule-Tagen ihrer Jugend getan hat: Er singt von Blut und Folter, von der Tugend des Zweifels und gegen Götteranbetung („Keine Meisterwerke mehr“) – die Tocotronic-Welt ist düsterer, ernster und vor allem komplizierter geworden. Vor dem 2005-Hit „Aber hier Leben, nein danke“ bittet von Lowtzow das Publikum „aufs Allerhöflichste“, die linke Hand zur Faust zu ballen, in „Stürmt das Schloss“, einem der vielen Titel vom neuen Album „Schall und Wahn“, die die Band spielt, piepen und fiepen die Gitarren nur so umher, Sänger von Lützow marschiert dazu wie ein Möchtegernrevolutionär geradezu militärisch über die Bühne.

Und doch kommt auch diese Band, die ihren Fans in den vergangenen 17 Jahren so viel Veränderung zugemutet hat, wie kaum eine andere in Deutschland, nicht drum herum, ein paar alte Hits zu spielen. Ein bisschen Spaß und Schrei- und Schrammelpop muss an einem solchen Abend sein – bei all dem Märchenhaften, Kulturpessimismus und der Politkritik der beiden jüngsten Alben. Und so schreit sich von Lowtzow zwischendurch bei „Drüben auf dem Hügel“ die Seele aus dem Leib. Bei „Let there be Rock“, ebenfalls so eine Hymne von früher, lassen sich in den ersten Reihen schon einige auf Händen zur Bühne tragen. Und als Schlagzeuger Arne Zank dann, eher zum Ende hin, noch den Neunziger-Jahre-Slogan „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ einschiebt – schief und krumm wie in alten Zeiten – tauen auch die Pärchen in den hinteren Reihen auf. Die Gitarre von Neu-Perfektionist von Lowtzow hat sich da längst wieder leicht verstimmt. Es ist ihm nun egal.

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