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Kultur Tocotronic tanzen im Capitol
Nachrichten Kultur Tocotronic tanzen im Capitol
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00:15 07.04.2013
Von Karsten Röhrbein
Licht und Schatten: Dirk von Lowtzow (vorn) und Rick McPhail zelebrieren „Drüben auf dem Hügel“ von 1995. Mast
Licht und Schatten: Dirk von Lowtzow (vorn) und Rick McPhail zelebrieren „Drüben auf dem Hügel“ von 1995. Quelle: Sebastian Mast
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Hannover

Eigenwillig waren Tocotronic ja schon immer. Dass die Hamburger ihr Jubiläumskonzert aber ausgerechnet mit Karlheinz Stockhausen eröffnen, irritiert nicht wenige der knapp 1000 Fans. Anfangs versuchen sie noch, das Stimmengewirr zu verstehen, bemühen sich, in den Neue-Musik-Fetzen, die im abgedunkelten Saal aus den Boxen scheppern, eine bekannte Melodie zu erkennen - und wenden sich dann lieber wieder dem Gespräch mit dem Nebenmann zu. Zumindest solange, bis Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ verstummt und Dirk von Lowtzow und seine drei Kollegen auf die Bühne kommen.

Jünglinge sind Tocotronic schon lange nicht mehr. Die auf der Bühne ergraute Diskurspop-Eminenz von Lowtzow kokettiert damit schon im ersten Song: „Hey, hey, ich bin jetzt alt / Hey, hey bald bin ich kalt“ singt der 42-Jährige in „Im Keller“. „Ich war keiner von den Stars“, heißt es dort wenig später, „Ich war höchstens Mittelmaß.“

Das sehen die Zuschauer natürlich anders. Kuscheltiere fliegen dennoch nicht auf die Bühne, sondern ins Publikum. Mit Schmackes schleudert Jan Müller einen sonderbaren Plüschvogel namens Daphne, das neue Maskottchen der Band, bis auf den Balkon im Capitol. Mit dem kauzigen Schlagzeuger Arne Zank, Soundfetischist McPhail an der Leadgitarre und dem Popintellektuellen Dirk von Lowtzow bildet der Punk-affine Bassist eine etwas andere deutsche Boyband.

Tocotronic spielen im Capitol in Hannover

Wenige Mitbewerber sind binnen 20 Jahren schließlich so gut gealtert wie Tocotronic. Ihre Entwicklung von Trainingsjackenslackern zu ironisch zwinkernden Pop-Avantgardisten kann man im Capitol im Zwei-Stunden-Schnelldurchlauf nachvollziehen. Nach der neuen, nicht mehr als wohlwollend beklatschten Will-Oldham-Aneignung „Ich will für dich nüchtern bleiben“ folgt mit „Drüben auf dem Hügel“ ein alter Homerecording-Hit. Den fröhlichen Dilettantismus der Anfangsjahre zu rekonstruieren, ist vor allem für Gitarrist Rick McPhail mit viel Arbeit verbunden: Umständlich wechselt er den Verstärker, damit die Akkorde so schön schrammelig klingen wie 1995.

Nostalgisch geht’s auch weiter: „Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rhomer“, singt von Lowtzow bei „Meine Freundin und ihr Freund“. „Und um das alles zu begreifen / wird man was man furchtbar hasst: nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.“ Viel gehört (früher noch von überspielten Tocotronic-Kassetten im Autoradio), viel diskutiert und jetzt vielbeklatscht.

Das liegt auch daran, dass Tocotronic virtuos zwischen Pop und Performance, Sonic Youth und Stockhausen, Intellektuellenpose und glühender Trash-Verehrung wechseln und alte Texte neu phrasieren. Abspielmaschinen, zu denen der frühe Stockhausen Orchestermusiker manchmal am liebsten degradiert hätte, sind Tocotronic nicht. Die Rockband reproduziert Stimmungen, keine Song-Kopien. Die schönste Neuinterpretation des Abends ist „Alles wird in Flammen stehen“, vorsätzlich irreführend als „Italopopsong“ angekündigt. Ein glänzend aufgelegter Rick McPhail gibt dem Stück an der Orgel sakralen Touch, den von Lowtzow mit wiederum übertriebenem Schmelz in der Stimme auf die Spitze treibt.

Und man hat auch nach 20 Jahren Spaß am Spiel mit großen Gesten: Keine zwei Minuten dauert die Punk-Rock-Nummer „Sag alles ab“, eine Hymne auf das Nichtstun, bei der von Lowtzow wie entfesselt im Stroboskopstakkato über die Bühne wirbelt. Genüsslich spielt die Band in ihren 21 Songs, darunter allein neun vom neuen Album „Wie wir leben wollen“, mit popkulturellen Fundstücken, mit Posen und Spießerfloskeln. Die biedermeierlich-bequeme Phrase „Aber hier leben, nein danke!“ wird so wenig später zum Fanal fürs Nichteinverstandensein, bei dem die Fäuste im Publikum im Takt gereckt werden. Studentischer Spaß und ernste Anliegen schließen sich nicht aus. Das zeigt die Band auch, indem sie mit einer Diashow für die Flüchtlingsinitiative „Pro Asyl“ wirbt.

Feuer und Flamme ist Tocotronic im fortgeschrittenen Alter auch für das Spiel mit dem Morbiden: Das jubilierende „Warte auf mich auf dem Grund des Swimming Pools“ widmet von Lowtzow dem Underground-Regisseur Jack Smith, ehe er sich selbst auf den „Pfad der Dämmerung“ begibt: „Die Altäre sollen rauchen / Ich werde neue Kleider brauchen“, raunt der Songschreiber, um das Pathos gleich wieder auf die Schippe zu nehmen: „Um mich soll’s nach Erdbeer riechen.“ Früher roch es bei Tocotronic nach Secondhandshop, heute riecht es nach Erdbeer. Und ein wenig nach Schweiß. Auch olfaktorisch bleibt so ein Konzert ein Erlebnis.

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