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00:15 14.10.2015
Tocotronic spielen im Capitol in Hannover auch viele alte Hits. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Das haben sie nun davon. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ sangen die Musiker von Tocotronic am Anfang ihrer Karriere. 20 Jahre ist das mittlerweile her. Natürlich kapierte die angesprochene Zielgruppe, junge, hippe, alternativ denkende Menschen mit hohem Bildungsstandard, dass diese Aussage ironisch gemeint war. Wie so ziemlich alles, was Tocotronic Mastermind Dirk von Lowtzow in den letzten Jahren getextet hat.

Tocotronic war wieder in Hannover. Dieses Mal spielte die Band im Capitol.

Nun ist Tocotronic – Ironie hin oder her – kein Teil irgendeiner Jugendbewegung mehr. Die Fans sind mitgealtert, einige junge sind hinzugekommen. Aber auch die wollen eine Band hören, die immer sie selbst war, sich nie anpasste und ein Format kultiviert hat, das von Begriffen wie „Hamburger Schule“, „Autorenpop“ oder „Diskursrock“ geprägt ist. Tocotronic ist Tocotronic ist Tocotronic. Entweder man verehrt die Band. Oder ignoriert sie.

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Die Fans im nur halb gefüllten Capitol verehren sie. Von der ersten Sekunde an. Zu einem dramatischen Orchester-Intro schreiten die Musiker vor einem grell beleuchten Vorhang, der an eine gigantische Malerplane erinnert, zu ihrem Arbeitsplatz. Mit „Prolog“ und „Ich öffne mich“ setzen die vier eine erste Duftmarke. „Hallo Hannover!“ ruft von Lowtzow. Und schickt mit süffisantem Ton hinterher „Hannover, Rock City“. Dass Hannover nicht nur Rock- sondern auch Unesco City Of Music ist, hat sich offenbar noch nicht bis zu ihm herum gesprochen.

Schade, einen guten Spruch hätte er dazu bestimmt in der Tasche. Diese Kunst beherrscht er. Wie semantisch tiefgründelnde Indie-Hits wie „Samstag ist Selbstmord“ oder „Digital ist besser“ belegen. Ohne von Lowtzows famosen Wortwitz und in prägnante Songs gegossene Gesellschaftskritik der abstrakten Art wäre Toctronic ein gute, auf die wesentlichen dreieinhalb Akkorde reduzierte Indie-Rock-Band im Geiste des Punk. Immerhin. Aber auch nicht mehr. So ist sie der Gipfelpunkt intelligenter Rockmusik in Deutschland.

Den unweigerlichen Alterungsprozess im Popgeschäft versucht Tocotronic durch gewagte Sprünge und neue Ideen aufzuhalten. Das erwarten die Fans. Erst jüngst ist den Musikern diese Neubesinnung mit ihrem „Rotem Album“ überzeugend gelungen. Es beklagt sich aber auch niemand, wenn die alten Hits auf der Setlist auftauchen. Und das sind an diesem Abend erstaunlich viele.

Tocotronic spielt jugendbewegte Hymnen wie „Du bist ganz schön bedient“, „Drüben auf dem Hügel“, „Mach es nicht selbst“ oder „Die Grenzen des guten Geschmacks“. Tocotronic-Fans können ihr Glück bei dieser Tocotronic-Hitparade kaum fassen. Bei „Aber hier leben, nein danke“ wird lauthals mitgesungen. Den Song „Zucker“ kündigt von Lowtzow als „das schwulste Lied von der schwulsten Platte“ an. Und alle Fans fühlen sich bestätigt: Dieser Mann weiß, was Selbstironie bedeutet. Ein grandioser Abend. Tocotronic in Bestform.

Diese Band wird immer Teil einer Jugendbewegung sein.

Von Bernd Schwope

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