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Kultur "Tod - Tabu oder Top-Thema?"
Nachrichten Kultur "Tod - Tabu oder Top-Thema?"
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10:05 12.11.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Trauersymbol im Kinderospitz. Herrenhäuser Gespräche beschäftigen sich mit dem Thema "Tod - Tabu oder Top-Thema?"
Trauersymbol im Kinderospitz. Herrenhäuser Gespräche beschäftigen sich mit dem Thema "Tod - Tabu oder Top-Thema?" Quelle: dpa
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Es hat sich noch nicht überall herumgesprochen, dass die Rede vom Tod als letztem Tabu dieser Gesellschaft nicht mehr ist als ein Kalauer der Kultur-PR. Wer eine Veranstaltung eventkulturkompatibel bewerben will, kündigt flott mal einen „Tabubruch“ an. Umso verdienstvoller ist es, dass sich die Herrenhäuser Gespräche mit dieser Floskel gar nicht lange aufgehalten haben. Die Veranstaltung von Volkswagenstiftung und NDR Kultur zeigt unter dem Titel „Tod – Tabu oder Top-Thema?“, in wie vielen Formen der Tod bei uns zum öffentlichen und umstrittenen Thema geworden ist, seriös als Auseinandersetzung über Sterbehilfe oder voyeuristisch als hippe Leichenshow im Stil der „Körperwelten“. Unter der Moderation von Stephan Lohr diskutierten die Soziologen Hubert Knoblauch und Armin Nassehi, der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio und Fritz Roth, Gründer der „Privaten Trauerakademie“ in Bergisch Gladbach – es wurde ein so kompetent wie unterhaltsam geführtes Gespräch.

Das lag nicht zuletzt an Fritz Roth, der nicht nur ein ungewöhnlicher Bestatter und Trauerbegleiter ist, sondern auch ein dem Leben zugewandter Rheinländer. Er möchte den heutigen Menschen Mut machen, den Tod wieder „in die Alltäglichkeit zurückzuholen“ – wozu ein anderer Umgang mit dem toten Körper gehört. Roth plädiert dafür, dass man den Leichnam eines Angehörigen auch nach Hause mitnehmen darf – denn nur so könne man dessen Tod nicht nur mental, sondern auch emotional „begreifen“. Er bietet in seiner Privaten Trauerakademie (ein „Trauerhospiz für die Angehörigen“) Gelegenheit zu einer emotionalen Auseinandersetzung mit dem Tod, führt beispielsweise Kinder und Jugendliche mithilfe von Theaterstücken an das Thema heran – und hatte auch schon ein Kabarettprogramm zum düsteren Thema initiiert. Lachen und Weinen gehörten zusammen. Es gelte, die „Herzenssprache“ zu entdecken.

Wie Roth möchte auch Nassehi das Bestattungswesen weniger reglementiert sehen, was er in einer soziologisch nüchternen Sprache erläutert. In einer modernen pluralistischen Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Lebenswelten und ­-stilen sollte nun mal jeder seine eigene Haltung zum Tod entwickeln können.

Einigkeit bestand unter den Gesprächspartnern darin, dass der Hospizbewegung ein besonderes Verdienst zukommt. Seit den sechziger Jahren hat sie einen neuen, bewussteren Umgang mit Tod und Sterben durchgesetzt. Sie hat das bis dahin geltende Deutungsmuster abgelöst, das den Medizinern die Deutungshoheit sicherte. Zwar verfüge die Medizin über eine sichere Definition des Todes, den Hirntod nämlich, wie Borasio betonte. Aber neben dieser physischen Bestimmung spielen heute psychosoziale und spirituelle Aspekte eine wachsende Rolle. Das habe etwa auch dazu geführt, dass heute die Palliativmedizin zum Pflichtfach für Medizinstudenten gehöre.

Auch wenn es kein Tabu mehr gibt, unbefangen ist der Umgang mit dem eigenen Sterben oder dem Tod naher Angehöriger aber noch lange nicht. Knoblauch verwies darauf, dass die voyeuristische Faszina­tion des Todes durchaus mit Verdrängung einhergehen könne. Aufschluss kann vielleicht der Umgang mit dem toten Körper geben, der in einem Forschungsprojekt der Volkswagenstiftung untersucht wird.

Je offener wir mit dem Thema umgehen, so ein Fazit der Diskussion, desto weniger trägt die Rede vom Tod morbide oder abstrakte Züge. Es geht, wie Roth mit der Verve eines von seiner Mission Beseelten betont, darum, dem „Leben eine neue Wertigkeit zu geben“. Das gilt für die Sterbenden wie für ihre Angehörigen.

Ausweichen können wir dem Thema ja nicht. Um es mit dem Sarkasmus des Soziologen Nassehi zu sagen: „Die Mortalitätsrate beträgt hundert Prozent.“

Nachzuhören ist die Diskussion am 14. November ab 20 Uhr auf NDR Kultur.