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Kultur Tom Cruise rennt, klettert und schießt wieder
Nachrichten Kultur Tom Cruise rennt, klettert und schießt wieder
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02:05 16.12.2011
Von Stefan Stosch
Nichts für Kinobesucher mit Höhenangst: Ethan Hunt (Tom Cruise) als Fassadenkletterer in Dubai.
Nichts für Kinobesucher mit Höhenangst: Ethan Hunt (Tom Cruise) als Fassadenkletterer in Dubai. Quelle: Paramount
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Wir blenden kurz zurück ins Jahr 1986: Ein junger Mann in Pilotenuniform grinst in die Kamera. Er fürchtet weder Tod noch Teufel, missachtet Befehle, wo es nur geht – aber er ist immer der Beste und vor allem: Er strahlt eine unwiderstehliche Lockerheit aus. Der Pilot im Film „Top Gun“ heißt Lt. Pete „Maverick“ Mitchell, gespielt wird er von Tom Cruise.

Mit „Top Gun“ startete Cruise seine Hollywood-Karriere. Beinahe jeder seiner Filme spielte von da an mehr als 100 Millionen Dollar ein. Das war in den Neunzigern die magische Marke, die Cruise mit „Eine Frage der Ehre“, „Interview mit einem Vampir“ oder „Jerry Maguire“ spielerisch leicht überwand. In diese Zeit fiel auch sein erster Auftritt als Geheimagent Ethan Hunt: Cruise, kopfüber im CIA-Hauptquartier baumelnd – diese Szene von 1996 in Brian De Palmas elegantem ersten „Mission: Impossible“-Abenteuer hat Kultstatus erlangt.

15 Jahre später ist Tom Cruise zurück mit dem mittlerweile vierten „Mission: Impossible“-Film nach seinen Auftritten 2000 und 2006 (inszeniert von John Woo und J. J. Abrams). In „M: I 4 – Phantom Protokoll“ rennt und klettert und schießt der 49-Jährige, dass dem aktuellen Bond Daniel Craig die Augen übergehen müssten. Die Frage ist nur: Wo ist Cruise’ Lockerheit geblieben?

Nur zu Beginn gibt sich sein Agent Ethan Hunt beim Ausbruch aus einem Moskauer Gefängnis cool. Doch lacht er fast nie. Die Sprüche klopfen die anderen, vorzugsweise die Teammitglieder Benji Dunn (der britische Komiker Simon Pegg) und Brandt (Jeremy Renner, mit dabei im Oscar-Film „Tödliches Kommando“). Die Vierte im Bunde, Jane Carter (Paula Patton), lacht zwar auch nicht viel, lässt sich aber als Verführerin eines indischen Maharadschas einsetzen.

„M: I 4“ soll leisten, was mit der Komödie „Knight and Day“ 2010 fehlschlug: Tom Cruise will zurück in die Erfolgsspur. Nach seinen exzessiven Scientology-Bekenntnissen, seinen noch exzessiveren Liebesschwüren zu Katie Holmes und seinem anstrengenden Versuch, in der Uniform des NS-Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg Ruhm zu ernten („Operation Walküre“, 2008), zieht es ihn zurück auf bekanntes Terrain.

Mit Kleinigkeiten hält sich Regisseur Brad Bird deswegen nicht lange auf: Eine Riesenbombe lässt den halben Kreml in die Luft fliegen. Ein verrückter Schwede (Michael Nyqvist, der Journalist aus der „Millennium“-Trilogie) sieht das Ziel der Evolution in der Auslöschung des Menschen. Das Attentat im Kreml war nur eine Vorübung, um Spuren zu verwischen. Demnächst will der Wahnsinnige eine Atombombe zünden.

Schon sehen die Verantwortlichen eine Eskalation zwischen Ost und West wie Anfang der Sechziger in der Kubakrise heraufziehen. Die „Impossible Missions Force“ soll den Attentäter aufspüren. Der Einsatz ist hoch: Gelingt die unmögliche Mission nicht, werden Agent Hunt und seine Truppe als Nuklearterroristen gebrandmarkt.

Dieses Szenario klingt ein wenig antiquiert. Für die Rettung der Welt war sonst immer James Bond zuständig, und der hatte seine Sternstunden im Kalten Krieg, als die Russen noch die lupenreinen Bösen waren.

Wie einst 007 jettet nun Ethan Hunt um den Globus. Er darf technisches Spielzeug ausprobieren, das sowohl Bonds Quartiermeister Q als auch Harry Potter gefallen würde. Hier werden virtuelle Wände aus dem Computer gezaubert, Menschen per Magnet zum Schweben gebracht und Augen in Fotokopierer verwandelt. Das Kino bringt die verspielten Einfälle der TV-Vorlage „Kobra, übernehmen Sie“ auf den aktuellen Stand.

Oscar-Regisseur Brad Bird wurde mit seinen Animationsfilmen „Die Unglaublichen“ und „Ratatouille“ berühmt, dies ist sein Kinodebüt mit richtigen Menschen. Bei Figuren aus dem Computer ist die Schwerkraft aufgehoben, hier arbeitet Bird daran. Mit einigem Erfolg: Die Kletterpartie an den Glasfassaden des Burj Khalifa in Dubai, dem höchsten Turm der Welt, ist spektakulär. Wer unter Höhenangst leidet, sollte nicht nach unten schauen bei Ethan Hunts Freiluftübungen.

Körper-Kino kann Tom Cruise also immer noch. Nur müsste er sich zwischendurch auch mal entspannen. Und doch hält dieser mehr als zwei Stunden lange Film nicht die Spannung. Die Jagd nach den Geheimcodes für Bomben und Satelliten zieht sich in der zweiten Hälfte. Und wozu braucht es in einer Welt, die sich mit horrenden Staatsschulden an den Rand des Zusammenbruchs bringt, noch Atombomben als Drohkulisse zwischen den Systemen? Die russische Regierung hat momentan sowieso genug damit zu tun, das Wahlergebnis so hinzubiegen, dass das eigene Volk daran glaubt.

In dieser verrückten Welt wirkt ein immer verbissen kämpfender Ethan Hunt deplatziert. Zumindest eine gute Pointe hat er aber am Schluss: Da liegt er schwer angeschlagen in einem indischen Parkhaus und haut wie wild auf den berühmten roten Knopf, um die schon gezündete Atomrakete doch noch zu stoppen. Und dann ruft er ein bisschen irre: „Mission accomplished!“ Das hat 2003 schon einmal ein anderer Amerikaner, der US-Präsident persönlich, auf einem Flugzeugträger gerufen. Was den Irak-Krieg betraf, hatte sich der Präsident damals gründlich geirrt. Ob Tom Cruise’ Karriere nun neuen Schwung bekommt, wird sich zeigen.

Kinostart: 15. Dezember

Hannah Suppa 15.12.2011
15.12.2011