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Kultur Tom Tykwer bringt ungewöhnliches Liebesexperiment auf die Kinoleinwand
Nachrichten Kultur Tom Tykwer bringt ungewöhnliches Liebesexperiment auf die Kinoleinwand
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00:24 22.12.2010
Von Stefan Stosch
Simon (Sebastian Schipper) und Hanna (Sophie Rois) - ein Beziehung, die nur mit einer Affäre glücklich macht. Quelle: X-Verleih
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Ein Paar trifft sich unverhofft vor der eigenen Haustür. Sagt sie ganz überrascht, als nehme sie ihn erstmals seit geraumer Zeit wieder so richtig in Augenschein: „Du siehst gut aus.“ Antwortet er mit einem entspannten Lächeln um die Mundwinkel: „Du auch.“ So nahe wie an diesem Abend waren sich Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) lange nicht mehr. Was beide nicht wissen: Das Glück im Gesicht des anderen rührt von ihren heimlichen Affären her – die beide mit demselben Mann haben. Und der wiederum weiß nichts von der Beziehung zwischen Hanna und Simon.

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So sieht die liebestechnische Versuchsanordnung in Tom Tykwers Film „Drei“ aus, der am Donnerstag in unseren Kinos startet. Der Laborcharakter des Werkes ist unübersehbar. Betont wird das auch durch den Dritten im Bunde: Er heißt Adam (Devid Striesow), so wie der erste Mann (und dann noch Born mit Nachnamen), und er ist Genforscher, Fachgebiet Stammzellen. Adam ist dabei, die Grundlagen unserer Existenz neu zu definieren.

Wenn Adam am Design unseres Lebens herumbasteln darf, dann darf das erst recht ein Kinoregisseur. Tykwer testet, wie weit sich das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter um die 40 von Zwängen befreien lässt, ohne dass die Protagonisten sich außerhalb der gesellschaftlichen Akzeptanz – und auch ihrer eigenen – aufhalten. Oder wie es Adam nach der ersten sexuellen Begegnung mit dem von sich selbst überraschten Simon in der Umkleide eines Hallenbades ausdrückt: Es werde Zeit, Abschied zu nehmen von einem „deterministischen Biologieverständnis“.

Es dauert allerdings ein bisschen, bis die Lust am Abschiednehmen in diesem Film wirklich durchdringt. Der typische Tykwer-Touch bedeutete in der Vergangenheit, den Kinofiguren eine gewisse Entrücktheit zu lassen („Winterschläfer“, „Der Krieger und die Kaiserin“), nun sind sie eher Spieler im Stil von „Lola rennt“. Sie sind im Sauseschritt unterwegs zu neuen Ufern.

Die Risikobereitschaft hat ihren Grund in der gemeinsamen Vergangenheit des Paares: 20 Jahre sind Hanna und Simon nun schon zusammen, da hat sich die Begeisterung füreinander ein bisschen abgenutzt und die Bereitschaft für ein erotisches Abenteuer aufgestaut. Zudem unterzieht Tykwer seine drei Protagonisten einem echten Härtetest. Er teilt erst einmal ein paar heftige Schicksalsschläge aus.

Hannas Mutter (Angela Winkler) lässt er geschwind an Bauchspeicheldrüsenkrebs sterben – doch darf sie noch mal als Engel und als Plastinat im Gruselkabinett Gunther von Hagens’ zurückkehren. Simon erkrankt an Hodenkrebs – wer noch nie einen amputierten Hoden auf ein metallenes OP-Schüsselchen hat plumpsen sehen (und hören) – hier besteht die Gelegenheit dazu. Unter solchen Voraussetzungen können alte Sicherheiten schon mal abhanden kommen.

Auch formal arbeitet der Regisseur an deren Auflösung: Tykwer macht die Leinwand zum Split Screen, zerteilt sie also in kleine Fenster, baut Scherenschnitte und comichafte Elemente ein. Zwischendurch dekliniert er in Tanzeinlagen vor weißem Hintergrund Beziehungsmuster durch. Das wirkt manchmal spielerisch, dann wieder überambitioniert und reichlich umständlich.

Und doch funktioniert der Film. Das hat der Regisseur zuerst seinen überragenden Schauspielern zu verdanken. Sophie Rois’ hysterische Verrücktheiten sind ebenso ein Genuss wie das vielsagende Schweigen des schillernden Verführers Devid Striesows, der vornehmlich mit Blicken und Gesten zum Ziel kommt.

So entwickelt „Drei“ dann doch noch die nötige Komik und Leichtigkeit, die das theoretische Gerüst dahinter vergessen macht. Grandios die Szene, in der Simon und Hanna ihren Adam auf offener Bühne bei einer Vernissage auf sich zukommen sehen – und wie ferngesteuerte Roboter nach links und rechts auf die Toiletten abbiegen. Später wird’s boulevardesk, wenn sich die beiden Betrogenen, die doch zugleich Betrüger sind, doch noch begegnen – und zwar in der Wohnung des ahnungslosen Adam.Endlich bleibt auch der so schwer durchschaubare Hedonist einmal ratlos zurück. Adam kann sich keinen Reim auf die plötzliche Panik seiner beiden Geliebten machen.

„Drei“ ist der erste Film, den Tykwer nach einigen internationalen Großproduktionen („Das Parfum“, „The International“) wieder in seiner Wahlheimatstadt Berlin gedreht hat. Anderswo als in Deutschland wäre dieses sozusagen intime Projekt wohl kaum realisierbar gewesen – und ganz bestimmt viel weniger glaubwürdig.

Der Film lässt sich durchaus verstehen als die qualitative Fortentwicklung der Beziehungskomödie der achtziger Jahre. Die Protagonisten jedoch sind eindeutig dem neuen Jahrtausend entnommen, in dem alte Gewissheiten weniger gelten, egal ob politische, gesellschaftliche oder private. Drei mittelalte Großstädter loten die Möglichkeiten ihres (Liebes-)Lebens aus. Und sie sind selbst am meisten überrascht davon, was geht.

„Drei“ startet am Donnerstag in Hannover im Hochhaus-Kino und im Cinemaxx Nikolaistraße.