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Kultur Tom Tykwer spricht über seinen Film „Drei“
Nachrichten Kultur Tom Tykwer spricht über seinen Film „Drei“
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00:25 22.12.2010
Regisseur Tom Tykwer. Quelle: dpa
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Herr Tykwer, in Ihrem Film „Drei“ hat ein Paar – also sowohl der Mann als auch die Frau – eine Beziehung mit ein und demselben Dritten. Eine höchst kom­plizierte Angelegenheit. Muss ein Kinoregisseur denn auch ein Paar­spezialist sein?
Nein, der Film lässt sich ein auf den Aberwitz des Alltags. Wir bemühen uns alle unentwegt, Routine und Struktur in unser Leben zu bringen, und diese vermeintlichen Sicherheiten werden uns bei nächster Gelegenheit um die Ohren gehauen – jemand stirbt, man gerät in eine berufliche Krise, oder man verliebt sich. Letzteres passiert Hanna und Simon. Unabhängig voneinander lernen sie Adam kennen. Plötzlich entdecken sie eine Sehnsucht, von der sie gar nicht wussten, dass sie diese in sich tragen. Sie sind Suchende.

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Ist „Drei“ ein Generationenfilm über Vierzigjährige? Erzählen Sie womöglich von sich selbst?
Ich will mit meinem Film nicht sagen: So sind wir. Das ist ganz einfach ein Film über Erwachsene, denen die Kontrolle über ihr Leben abhandenkommt – oder die zumindest das Gefühl haben, dass das passiert. Dieses Gefühl erwischt jeden Menschen irgendwann, und jedes Mal wieder muss man versuchen, sich auf die neuen Bedingungen und Spiel­regeln einzulassen. Passieren kann das genauso mit 20 wie mit 70. Auch Ältere wollen ja nicht irgendwo endgültig ankommen – denn das könnte ja nur der Tod sein. Das Paradoxe ist: Zugleich hat man auch Angst vor Neuem. Das ist ein riesiger Widerspruch, kaum auszuhalten.

Steckt in Ihrem Film die Aufforderung, das Leben lockerer zu nehmen? Muss ja nicht gleich ein flotter Dreier sein.
Das ist keine Aufforderung, aber eine Betrachtung von Leuten, die Routine brauchen und diese gleichzeitig als bedrohlich empfinden. „Drei“ ist ganz klar ein Gegenwartsfilm, und das heißt: Unser wachsendes Bewusstsein, uns selbst und unsere Normen infrage zu stellen, steht im Widerspruch zu unserer alltäglichen Lebenspraxis. Da fühlen wir uns immer noch den Traditionen und bürgerlichen Normen verpflichtet. Wir sind heute im Denken schon viel weiter als in unserem Tun.

Bitte ein Beispiel.
Heute würde kaum noch jemand in einer halbwegs aufgeklärten Runde von einer eindeutig definierten sexuellen Orientierung sprechen. Jeder weiß, dass er soundso viele männliche und weibliche Anteile mit sich herumträgt. Aber wenn man nachforscht, was das in der Praxis bedeuten könnte, bekommen es viele Leute mit der Angst zu tun. Das stellt ja womöglich das ganze idealisierte Konzept von der Kleinfamilie infrage – obwohl wir zugleich wissen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, ein erfülltes Leben zu leben.

Manchmal dringen Schnipsel der großen Weltpolitik in Ihren Film ein, aber die drei Hauptfiguren beschäftigen sich dann doch nur mit ihren eigenen Problemen. Ist das nicht sehr selbstbezüglich?
Na ja, die drei wälzen immerhin gewaltige existenzielle Sorgen – es geht um Trennung, Krankheit, Tod. Aber es stimmt schon: Je besser man sich im Privaten einrichtet und das Leben auf die eigenen Bedürfnisse zuschneidet, desto größer wird der Abstand zur Komplexität der Welt da draußen. Es ist aber auch unheimlich schwierig für einen Einzelnen, den globalen Problemen wirklich gerecht zu werden. Man braucht manchmal den Tunnelblick, gerichtet allein auf seine privaten Bedürfnisse, um nicht verrückt zu werden.

Sie betreuen in Nairobi junge Regisseure aus ganz Ostafrika, waren gerade wieder für bald zwei Monate in Kenia. Ist dieses Projekt Ihr Versuch, dem Tunnelblick zu entkommen?
Vielleicht auch das, aber der Hintergrund ist ein anderer: Meine Frau Marie arbeitet mit im Kinderhilfsprojekt „One Fine Day“ in Kenia. Ich bin ihr nach­gefahren, fand die Ergebnisse toll und wollte mitmachen – aber eben auch aus egoistischem Interesse: Marie und ich haben dann mehr Zeit miteinander. Arbeit und Privates lassen sich in diesem Fall verbinden. Übrigens ist einer der von mir betreuten Filme, „Soul Boy“, Anfang Dezember in den Kinos gestartet.

Können Sie damit leben, wenn man „Drei“ als qualitativ überarbeitete Fortsetzung der Beziehungskomödien der achtziger Jahre bezeichnet?
Muss ich erst mal drüber nachdenken. Na ja, warum eigentlich nicht? Irgendwie ist er eine Komödie, aber eben nicht nur. Da steckt auch viel Nachdenkliches und Dramatisches drin, das aber nicht durchgehalten wird, ganz einfach, weil auch die Figuren das nicht durchhalten. Ich kann’s kaum noch abwarten, den Film in Deutschland in einem voll besetzten Kino zu sehen.

Kann man sagen, dass der Regisseur Tom Tykwer eine romantische Ader in sich entdeckt hat?
Der Film ist schon irgendwie romantisch – aber hoffentlich nicht im Sinne von verklärend. „Drei“ ist ja kein Meg-Ryan-Film. Ich betrachte eher belustigt den ganzen hormonellen Irrsinn, dem wir ständig ausgesetzt sind und der uns immer wieder reinreißt.

Wieso? Der Film endet doch in perfekter Harmonie.
Ich hätte es feige gefunden, mit einem tristen Ende aus dem Film rauszugehen, mich also auf die ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit einzulassen, dass so eine Dreierbeziehung nicht gut gehen kann. Vermutlich wird sich bald schon, ganz den Tradi­tionen entsprechend, das ursprüngliche Zweiermodell wieder zusammenraufen und den Fremdling Adam abstoßen. Aber der Film ist glücklicherweise nur der eigenen Logik verpflichtet. Trotzdem könnte es gut sein, dass die drei am nächsten Morgen aufwachen, und dann ist der ganze Spaß schon wieder vorbei.

Interview: Stefan Stosch

17.12.2010
Uwe Kreuzer 17.12.2010