Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Das Tier in Dir
Nachrichten Kultur Das Tier in Dir
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 29.09.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Tomas Schweigen inszeniert Kafkas „Die Verwandlung“ am Ballhof in Hannover Quelle: Meyer-Arlt
Hannover

Manches will man ja gar nicht so genau wissen. Was zum Beispiel mit einer Spinne passiert, wenn man sie mit dem Staubsauger... Ach, am besten, man schaut einfach nicht hin. Mutter Samsa macht das auch so. Sie schiebt den röhrenden alten Handstaubsauger in Gregors Zimmer, schließt eilig die Tür und wartet mit gerötetem Gesicht, was wohl passiert. Aus dem Zimmer dringt monotones Röhren. Und das ist vielleicht gar nicht der Staubsauger, der da so brummt, sondern Gregor, ihr Sohn, der sich in ein riesiges Insekt verwandelt hatte.

Als die Schwester sieht, was die Mutter da mit dem Staubsauger macht, bekommt sie einen Schreianfall. Doch ihr Protest wird nicht lange anhalten. Sie wird sich ändern. Später wird sie sagen, dass es so nicht weiterginge, und dass das Insekt – Gregor, ihr armer Bruder, – weg müsse. Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ ist eine böse Familiengeschichte. Und so wird sie im hannoverschen Ballhof auch gespielt. Obgleich es dabei auch sehr viel zu lachen gibt. Und zu staunen.

Kafka steht derzeit oft auf den Spielplänen. Das Theater für Niedersachsen in Hildesheim hat „Die Verwandlung“ als Ein-Personen-Stück im Repertoire und auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover ist immer noch Albrecht Hirches Inszenierung von „Der Prozess“ zu sehen. Seit einigen Jahren schon bringt das deutsche Schauspiel (in Ermangelung guter neuer Dramen?) verstärkt Erzählungen und Romane auf die Bühne. Selten aber geschieht das mit solcher Leichtigkeit, Intelligenz und mit solch großartigem Spielwitz wie in Tomas Schweigens Inszenierung von Kafkas vielleicht bekanntester Erzählung, die jetzt im Ballhof Premiere hatte.

Regisseur Tomas Schweigen und seinem hervorragenden Ensemble glückt bei der Inszenierung von Kafkas „Die Verwandlung“ etwas ganz Besonderes: Sie erzählen die bekannte Geschichte (und zwar gut und richtig), und sie machen etwas ganz Eigenes daraus: eine witzig theatralische Familienaufstellung.

Tomas Schweigen hat Schauspiel in Wien und danach Regie in Zürich studiert. Vor neun Jahren hat er zusammen mit Vera von Gunten die Gruppe „Far A Day Cage“ gegründet, die auf witzig-charmante Art an den Grenzschichten des Theaters experimentiert und die bei der jüngsten Ausgabe des Festivals „Theaterformen“ in Hannover mit „Urwald“, einer wunderbaren Simultanvorstellung zweier sehr gegensätzlicher Stücke, zu sehen war.

Der Regisseur ist ein Liebling von Theaterfestivals. Und das zu Recht. Denn er ist klug und neugierig und verspielt und er hat keine Angst vor dem alten Tür-auf-Tür-zu-Theater, vor Schreien und Weinen und Überkandideltheiten aller Art. Er hat es nicht nötig, sich von irgendeinem alten, überkommenen Theater abgrenzen. Er hat keine Angst vor Theatralik. Und deshalb kann man in seinen Inszenierungen viel Spaß haben. Das war bei „Urwald“ während der Theaterformen so, und das ist auch bei KafkasVerwandlung“ im Ballhof so.

Dem Regisseur und seinem hervorragenden Ensemble glückt etwas ganz Besonderes: Sie erzählen die bekannte Geschichte (und zwar gut und richtig), und sie machen etwas ganz Eigenes daraus: eine witzig theatralische Familienaufstellung. Die Bühne (von Demian Wohler) zeigt Gregors Zimmer: eine enge Kiste unterm Dach, alles in braun und beige gehalten. Sperrmüllcharme. Das Zimmerchen ist verdammt eng, es steht mitten auf der Bühne, rechts und links ist viel Platz frei. So wird alles auf eine enge Spielfläche konzentriert. Hier ist die Kleinfamilie am Werk, Vater liest Zeitung, Mutter putzt, die Tochter zappt durchs TV-Programm.

Und mittendrin Gregor, der mit seinem Käferkörper kämpft. Auf insektenartige Verkleidungen verzichtet Schweigen. Braucht er auch nicht. Sebastian Schindegger als Gregor wirkt auch so sehr fremd in seinem Körper. Immer wieder spielt er mit dem Käferthema: Einmal versucht er gleichzeitig Jackett und Matel anzuziehen und lässt sich auf diese Weise so etwas wie Flügel wachsen, ein anderes Mal hält er sich die Staubsauger so vors Gesicht, dass die Schalter für die Saugereinstellung zu Käferaugen werden.

Ein kleiner Witz am Rande – von verblüffender Traurigkeit. Mit verblüffender Leichtigkeit gelingt es dem Regisseur etwas zu zeigen, von dem sonst auf dem Theater nur berichtet wird: wie Käfer Gregor an der Zimmerdecke entlangkrabbelt. Dazu kippt Gregor den Kühlschrank, dreht das Familienbild um 90 Grad und filmt sich selbst mit der gekippten Videokamera. Es funktioniert: Er läuft tatsächlich an der Decke entlang. So einfach kann Theater die Welt auf den Kopf stellen.

Schauspielerisch lässt Schweigen vieles zu. Er scheut sich nicht, Kafka als Boulevardautor zu nehmen – und erstaunlicherweise ist das gar kein Problem. Susana Fernandes Genebra als Mutter wimmert herzerweichend. Noch Stunden nach der Aufführung hat man ihre Stimme im Ohr.

Wolf List als Vater schaukelt bedächtig auf dem Stuhl vor und zurück, kann aber auch sehr gefährlich werden. Julia Schmalbrock als Schwester springt fröhlich in die Rolle des Prokuristen, den sie mit tiefgelegter Stimme spricht. Da ist jede Menge Spaß im Spiel – und doch wird Kafkas böse Geschichte einer gierigen Familie in all ihrer tiefen Traurigkeit zu Ende erzählt. Erstaunlich, wie gut das funktioniert.

Weitere Vorstellungen am 29. September, 4. und 19. Oktober, sowie am 19. November und am 31. Dezember.

Kultur Druckgrafiken von Albrecht Dürer bis Dieter Roth - Meister in Schwarz-Weiß

Das ist eine ganz fabelhafte Ausstellung! Die Stiftung Ahlers Pro Arte zeigt Druckgrafiken von Albrecht Dürer bis Dieter Roth – also vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

27.09.2013
Kultur Filmkritik zu „Prakti.com“ - Die beiden klicken doch nicht ganz richtig

Vince Vaughn und Owen Wilson versuchen sich in „Prakti.com“ als Praktikanten beim Internetgiganten Google. Mit ihren unkonventionellen, mitunter altmodischen Ideen mischen sie die Computernerds mächtig auf. Der Film läuft seit dem 26. September im Kino.

27.09.2013
Kultur Geschwister-Scholl-Preis - Schmerzhaftes Erinnern

Nach langer Zeit geht der Geschwister-Scholl-Preis wieder an einen Autor, der sich mit dem Holocaust auseinandersetzt. Der Auschwitz-Überlebende Otto Dov Kulka wird für sein Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ ausgezeichnet.

26.09.2013