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Kultur Tori Amos bricht mit neuer CD in den Zauberwald auf
Nachrichten Kultur Tori Amos bricht mit neuer CD in den Zauberwald auf
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09:21 20.09.2011
Von Uwe Janssen
Tori Amos geht mit ihrer neuen CD neue Wege. Quelle: Victor de Mello
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Was macht Tori Amos eigentlich? Musik, so viel ist klar, doch anschließend wird es schon schwierig. Sie erfüllt alle Anforderungen für die Schublade Singer/Songwriter, sie hat Spaß an elektronischen Experimenten, sie kann ein ganzes Album lang durchrocken, verliert sich mitunter in achtminütigen, düsteren Psychovisionen oder Jazzimprovisationen, lässt ihre Songs gern für die Tanzfläche remixen, und wenn sie es will, schüttelt sie auch einfach mal einen kantenlosen Radiohit aus dem Ärmel.

Dazu ist die Amerikanerin, ob allein oder mit Band, eine spannende Livekünstlerin, produziert ihre Alben selbst, und für Booklets lässt sie sich von Modefotografen in unterschiedlichsten Outfits und Rollen ablichten. Schublade? Unmöglich. Tori Amos ist die Sorte Chamäleon, die Lady Gaga nicht ist. Man sollte bei der mittlerweile 48-Jährigen mit allem rechnen, mit Wiederholungen nicht. Aktuelles Beispiel: „Night of Hunters“.

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Schon das kleine gelbe Logo auf der CD-Hülle verrät, wo die nächtliche Reise hingeht: Bei der Deutschen Grammophon hat sich zuletzt Sting ein wenig im Winterwald verzettelt, nun bricht Amos in den Zauberwald auf. Der Hörer darf mit in ihre Träume und begegnet in einem 14-teiligen klassisch angelegten, mythischen Liederzyklus auf mehreren Zeitebenen Stationen einer Liebe, Ängsten und Hoffnungen, Albtraum- und Traumgestalten, singenden Füchsinnen und Feuermusen. Man wird begleitet von Amos’ klassisch basiertem Pianospiel und einer Reihe von Streichern und Bläsern. Kein Schlagzeug, keine Gitarre, keine elektronischen Instrumente. Dafür viele Könner wie der Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, Andreas ­Ottensamer, sowie die zarten Stimmen ihrer Tochter Natashya und ihrer Nichte Kelsey.

Auf dem Album gibt es immer neue Songs zu entdecken

Sie habe sich inspirieren lassen, sagt sie, von der irischen Mythenwelt und von Chopin, Schubert oder Satie. Es spricht für sie, dass sie sich vom klassischen Grundkonzept nicht zu Orchesterbombast hat hinreißen lassen, sondern ihre Texte den Brüchen ihrer Traumwelten entsprechend eher nuancenreich kammermusikalisch bettet.

Man muss sich, wie man so schön wohlwollend sagt, wenn Musiker stilbrüchig werden, auf dieses Album einlassen. Bei Amos – Stilbruch als kreatives Konzept – fällt das nicht besonders schwer, weil es gute Gewohnheit ist, nach und nach immer mehr in ihren Songs zu entdecken. Wer die Zeit nicht hat, sollte die Finger von diesem Album lassen. Alle anderen ziehen mit Tori Amos durch eine wundersame Traumnacht mit ihren guten und unguten, heimlichen und unheimlichen Geschichten. Und sind am Ende fast enttäuscht, dass schon nach gut einer Stunde wieder Tag ist.

Tori Amos: „Night of Hunters“ (Deutsche Grammophon). Live am 10. Oktober in Hamburg und am 11. Oktober in Berlin.