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Kultur Tori Amos und ihr neues Album „Abnormally attracted to Sin“
Nachrichten Kultur Tori Amos und ihr neues Album „Abnormally attracted to Sin“
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21:04 15.05.2009
Von Uwe Janssen
Tori Amos lädt ein in ihr psychomusikalisches Reich. Quelle: Axel Schmidt/ddp
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Aber Tori Amos ist eben keine Frau für den ersten Blick. Obwohl das mit der Einladung stimmt. Sie lädt ein in ihr psychomusikalisches Reich, das zum Verlaufen groß ist. Und für das man Zeit mitbringen sollte. Denn in den 17 Songs geht es wieder mal um das große Ganze. Seit ihrem Debütalbum „Little Earthquakes“ aus dem Jahr 1992, spätestens aber seit dem Seelenstriptease „Boys for Pele“ (1996) hat sich die Amerikanerin verlässlich am Rand des Pop aufgehalten, zwischen melodieseligen Balladen und schwer zugänglichen Tiraden, die sie, in Konzerten meist rittlings auf ihrem Hocker sitzend, in ihren Bösendorfer-Flügel hackt. Ihre Themen sind ernst, graben sich tief in ihre eigenen Befindlichkeiten oder suchen nach den seelischen Abgründen. Nicht, weil das Leben so abgründig ist. Sondern, weil es so spannend ist. Das alles weiß die 45-Jährige wortreich zu begründen, sie gilt als berüchtigte Interviewpartnerin, weil sie viel mehr Antworten hat als sie Fragen gestellt bekommt.

„Ich wollte gründlich erforschen, wie die Angst vor Verzweiflung unser Leben kontrolliert“, sagt die Pfarrerstochter zu ihren aktuellen Songs, „und ich wollte mir anschauen, wie Macht funktioniert. Es gibt sehr viele Menschen, die jeden Morgen wie gelähmt aufwachen und gar nicht mehr handlungsfähig sind, weil sie sich mit lauter Vorschriften konfrontiert sehen. Die Leute leiden nicht nur unter körperlichen Einschränkungen, sondern auch unter Auflagen auf emotionaler und geistiger Ebene, die überall stattfinden, obwohl man oberflächlich nichts als ordentliche Vorgärten erkennen kann.“

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Da ist nicht gerade ein fröhliches Album zu erwarten oder zumindest ein launig rockendes wie das überraschende „American Doll Posse“ vor zwei Jahren. „Abnormally attracted to Sin“ ist eher düster gefärbt, eine Winterplatte, wie es scheint. Aber auch dieser Eindruck täuscht. Schwermütig pulsierende Songs wie „Give“, die Suizidballade „Maybe California“ oder das lange „Lady in Blue“ brauchen Zeit, entfalten sich dann aber langsam zu wunderschönen Popblüten. Und die Farbe ihrer immer faszinierender werdenden Stimme scheint sie wechseln zu können wie die Perücken, die sie auf Fotos oder kleinen Filmchen (auf DVD bei der Luxus-CD-Version) so gern trägt.

Mittlerweile hat Tori Amos eine ganze Armada junger Frauen inspiriert, früher Jewel oder Fiona Apple, später Sia, Vienna Teng oder Chantal Kreviazuk. Die Österreicherin Soap&Skin verdichtet die dunkle Seite zu fast erdrückender Schwermut. Allein das ist Auszeichnung genug für das Original. In ihrem großen Reich haben eben viele Platz.

Hören Sie kostenlos in das neue Album von Tori Amos rein.

Ronald Meyer-Arlt 15.05.2009
Johanna Di Blasi 15.05.2009