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Kultur Torkil Damhaug: „Die Netzhaut"
Nachrichten Kultur Torkil Damhaug: „Die Netzhaut"
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09:56 16.12.2010
Von Martina Sulner
Arzt und Autor Torkil Domhaug. Quelle: Droemer
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Der Holmenkollen, Oslos Hausberg mit der berühmten Skischanze, ist ein toller Ort, um sich mit dem Autor Torkil Damhaug zu treffen. Auf wenigen Quadratmetern erlebt der Besucher dort Norwegen in konzentrierter Form. Direkt hinter dem geschmackvoll-rustikalen Restaurant „Frognerseteren“ beginnt ein großer Wald. An einem der zahlreichen Wanderwege steht ein (eher scheußliches) Denkmal, das an den mehrfachen Olympiasieger Johann Grottumsbråten (1899–1983) erinnert. „Einer unserer Skihelden“, sagt Damhaug, selbst ein begeisterter Skilangläufer. So stellt sich der Oslo-Besucher Norwegen vor: viel Natur, allenthalben Begeisterung fürs Skilaufen – und Restaurants und Cafés, in denen alles ungefähr doppelt bis dreimal so viel kostet wie in Deutschland.

In erster Linie jedoch hat man von „Frognerseteren“, rund 400 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, einen phantastischen Blick auf den Oslo-Fjord und auf die Hauptstadt. Die wirkt – von hier oben betrachtet und auch beim Spaziergang durch die Stadt – ziemlich beschaulich und friedlich. Doch in Damhaugs neuem Thriller, „Die Netzhaut“, ist die Stadt düster und abweisend.

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„Die Netzhaut“ ist Damhaugs fünftes Buch; sein zweites auf Deutsch übersetztes. 2009 erschien der auch hierzulande erfolgreiche Krimi „Die Bärenkralle“. Das sei ein Herbstbuch gewesen, sagt Damhaug, „der neue Roman ist ein Winterbuch.“ Tatsächlich spielt die Hauptgeschichte des Thrillers in wenigen eiskalten Wochen zwischen Mitte Dezember und Mitte Januar. Die junge Liss, die seit einer Weile in Amsterdam lebt, fliegt zurück in ihre Heimatstadt. Sie will ihre verschwundene Schwester Mailin, eine Psychotherapeutin, suchen. Liss, die selten etwas isst und immer zu dünn angezogen ist, friert nahezu den gesamten Roman über.

„Die Netzhaut“ ist ein komplexer Roman; der Autor nimmt sich Zeit, seine Figuren einzuführen und die Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen. Bis vor Kurzem hat Damhaug als Mediziner und Therapeut gearbeitet, und das merkt man dem Roman an. Nicht die Ermittlungen der Polizei oder die Suche Liss’ stehen im Vordergrund, sondern die seelischen und körperlichen Verletzungen in der Kindheit und die Obsessionen von Tätern, Opfern und Ermittlern.

„Für mich ist das große Thema des Romans die Eifersucht“, sagt der Autor, „wenn man als Erwachsener dieses Gefühl nicht produktiv umsetzt, wird es destruktiv.“ Im Roman führt bohrende Eifersucht zu Aggressionen. Liss und die Polizei brauchen ziemlich lange, um dieses Muster zu erkennen und dadurch auf die Spur des Täters zu gelangen. Das ist spannend erzählt.

Mit viel Einfühlungsvermögen schreibt Damhaug auch über Täter. Psychisch gesund zu bleiben sei in modernen Gesellschaften nicht einfach, sagt er. Das Gefühl, von der Arbeit entfremdet zu sein und nur wenige verbindliche Beziehungen zu haben, sich permanent überlastet und wenig erfolgreich zu fühlen – das führe zu Depressionen oder Aggressionen.

Es ist zu spüren, wie sehr den sonst so gelassen wirkenden Mann dieses Thema beschäftigt. Und man glaubt ihm, wenn er sagt, dass er bei aller Freude am Schreiben seine Patienten manchmal vermisse. „Grundsätzlich ähneln sich die Berufe des Autors und des Therapeuten sehr“, sagt der 52-Jährige, „du musst Empathie entwickeln, dich in Menschen hineinfühlen können.“

Das Interesse an Literatur und Medizin gleichermaßen hat Damhaug schon lange. Nach dem Abitur lebte er eine Weile in Paris und schrieb an einem Roman, den er nie beendet hat. Nach dieser Boheme-Zeit reiste er eine Weile durch Europa, bevor er erst Literatur und dann Medizin studierte. Mitte der neunziger Jahre veröffentlichte der Vater von vier Kindern seinen ersten Roman.

Eines seiner Bücher, das bislang nur in Norwegen erschienen ist, spielt in Hamburg. Dort lebt eine seiner Schwestern; überhaupt kennt er sich in Deutschland gut aus und spricht etwas Deutsch. Die beiden Länder seien traditionell eng verbunden, sagt der Autor. Seit Generationen ist Deutschland das Land für all die jungen Norweger, denen es in der Heimat zu eng wird. „Sie suchen Anregungen von außen, aber irgendwann haben sie Sehnsucht nach unserer tollen Natur.“

Deutschland spielt zudem als Buchmarkt eine wichtige Rolle für Norwegen. Skandinavische Romane, Krimis zumal, gehören seit mehreren Jahren zu den Lieblingen deutscher Leser. Von Henning Mankell über Stieg Larsson bis zu Jo Nesbø: Krimis aus dem Norden stehen auf den Bestenlisten weit oben. Damhaug ist (noch) nicht so bekannt wie mancher Kollege. Der Autor wird einsilbig, wenn man ihn auf den Erfolg der Skandinavier anspricht: „Ich kann es wirklich nicht erklären“, sagt er. Und er wirkt, als kämen ihm die Deutschen mit ihrer Begeisterung fürs Morden im Norden sehr merkwürdig vor.

Autor

Torkil Damhaug

Titel

„Die Netzhaut

Verlag

Droemer Knaur

Seitenzahl

544 Seiten

Preis

19,95 Euro