Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Tortuga“ - Vagabundin des Ozeans
Nachrichten Kultur „Tortuga“ - Vagabundin des Ozeans
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:07 08.10.2009
Tortuga: Naturdokumentarfilm über die jahrelange Reise der Meeresschildkröte durch die Ozeane. Quelle: tortuga-derfilm.de

Am Anfang steht das große Krabbeln. Irgendwo an einem Strand von Florida haben sich Tausende von Winzlingen aus dem Sand gebuddelt, machen sich auf den Weg gen Ozean, rudern mit den Flossen ihrer kleinen Körper über den Sand, als würden sie bereits fürs Schwimmen üben. Nur wer schnell ist, überlebt, denn Feinde lauern überall.

Und sie sind hungrig: Krabben laufen Patrouille an der Wasserlinie, Pelikane stürzen sich aus dem Himmel herab. Lediglich die Hälfte der gerade geschlüpften Reptilien erreicht den Atlantik - und diese paar Meter waren nur der Auftakt zu einer zehntausend Kilometer langen Reise bis nach Afrika und zurück. Gefährlich ist das Schildkrötenleben in Nick Stringers Naturdokumentation „Tortuga“.

Ähnliche Szenen haben wir vielleicht schon anderswo gesehen, aber wohl noch nie in dieser brillanten Qualität. Regisseur Stringer inszeniert seit 17 Jahren Dokumentationen, unter anderem für Channel 4, die BBC und National Geographic. Für die Strandszene begab sich sein Team quasi auf Augenhöhe mit den Wasserschildkröten - eine von ihnen kommt in knapp eineinhalb Kinostunden ganz groß raus.

Mit winzigen Hightech-Kameras ging Kameramann Rory McGuinness zu Werk. Kurz darauf begibt sich der Zuschauer quasi hinein in das Algenfeld, das im Golfstrom gen Norden treibt und in dem die kleine Schildkröte sich mit Seepferdchen und anderen Passagieren versteckt. Und dann wieder der große Überblick: Bei Aufnahmen aus der Luft hoch über der Wasseroberfläche ist die - inzwischen ausgewachsene - Schildkröte gestochen scharf zu erkennen.

„Tortuga“ reiht sich nahtlos ein in die Reihe bestechender Naturdokumentationen von „Unsere Erde“ bis „Die Reise der Pinguine“. Auch hier geht es darum, die Schönheit des Lebens auf diesem Planeten denjenigen vor Augen zu führen, die ihn gerade ruinieren: den Menschen. Unsere kleine Schildkröte bekommt es mit Containerschiffen, Ölteppichen und den kilometerlangen Köderleinen von Fischern zu tun. Von natürlichen Feinden wie Blauhaien oder giftigen Quallen ganz zu schweigen.

Je länger der Film dauert, desto weniger mag man glauben, dass ein Reptil der Spezies „Unechte Karettschildkröte“ überhaupt eine Überlebenschance hat. Dabei sind Schildkröten seit 200 Millionen Jahren in den Ozeanen unterwegs und finden bis heute immer wieder den Weg zu ihren Laichplätzen zurück.

Und doch täuscht dieser bildstarke Film manche sensationelle Szene vor: Er behauptet, die Odyssee Tortugas über 25 Jahre begleitet zu haben - bis sie ausgewachsen ist und selbst wieder Eier an einem Strand ablegt, der inzwischen von Hochhäusern gesäumt wird. Die Heldengeschichte bekommt ein Happy End verpasst. Tatsächlich wurde nur ein Jahr lang gedreht, unter anderem in Unterwasserstudios und Spezialtanks, also keineswegs nur an Originalschauplätzen.

Vielleicht ist diese gefühlige Aufbereitung notwendig, um die nötige Anteilnahme zu wecken. Eine Schildkröte sieht schließlich nicht so knuddelig aus wie ein Eisbär oder ein Pinguin. Die Filmemacher legen sogar noch eins drauf: Sie haben Hannelore Elsner als Sprecherin engagiert. Im Stile einer Märchentante kommentiert die Schauspielerin in getragenem - und gelegentlich schwer zu ertragendem - Ton die Abenteuer Tortugas.

Der Film ist für Kinder von sechs Jahren an freigegeben. Bei dieser süßlichen Verpackung vergessen sie womöglich, dass sich vor ihren Augen eine tragische Geschichte vom Leben und Sterben im Ozean abspielt.

Von Stefan Stosch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Jaap Brakke der neue Direktor des Landesmuseums spricht im Interview über Stärken und Schwächen seines neuen Arbeitsplatzes.

Johanna Di Blasi 07.10.2009
Kultur "Männerherzen" - Klimmzüge in der Krise

Zu Beginn von Simon Verhoevens „Männerherzen“ schlendert die Kamera von Mann zu Mann und stellt die mehr oder minder verkrachten Existenzen vor.

07.10.2009

Romanübersetzer können von den Verlagen grundsätzlich eine prozentuale Erfolgsbeteiligung am Bucherlös verlangen. Das hat der Bundesgerichtshof am Mittwoch in Karlsruhe in einem Grundsatzurteil entschieden.

07.10.2009