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Kultur Totalkünstler Timm Ulrichs wird 70
Nachrichten Kultur Totalkünstler Timm Ulrichs wird 70
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19:57 26.03.2010
Von Johanna Di Blasi
Seit einem halben Jahrhundert Hannoveraner: Timm Ulrichs auf dem Marsch zum Sprengel Museum, das ihm im Herbst eine große Ausstellung widmet. Quelle: Steiner

Das Leben zu einem Ereignis machen, zu einem Kunstwerk – das hat sich Timm Ulrichs als junger Mann vorgenommen. Und es war ihm auch klar, dass man in der Kunst viel behaupten kann, doch dass den Beweis das Lebenswerk erbringen muss. Deswegen reichte er sich als 25-Jähriger bei der ­„Juryfreien Kunstausstellung Berlin“ als „erstes lebendes Kunstwerk“ ein, als ­„automobile Plastik“, 1,78 Zentimeter hoch. Doch obwohl es eine juryfreie Ausstellung war, wurde er aussortiert: weil er angeblich nicht ordnungsgemäß beschildert war, weil man Probleme bei der Hängung des Werks befürchtete und sich – irgendwie – veräppelt fühlte. Doch ein Jahr später, 1966 in Frankfurt, klappte es: Das Kunstwerk, schlank, volles Haar, dunkle Kleidung, Brille, saß in einer Vitrine – in Denkerpose.

Das Haar ist inzwischen weiß geworden, doch Timm Ulrichs ist jung geblieben. Es muss an seinem speziellen Lebenskunstkonzept liegen. Ein ästhetisch geglücktes Dasein, so lebt es der Künstler vor, hängt nicht von einer besonderen Umgebung ab. Es braucht nicht die Villa in der Toskana, das Loft in New York oder das Strandhaus in Saint-Tropez. Eine Unterkunft in einer verkehrsgünstig gelegenen Stadt wie Hannover ist die ideale Basis für eine derartige Lebensaufgabe. Seit dreißig Jahren hat Timm Ulrichs sein Domizil in einem schmucklosen Haus in der Sodenstraße. Die nahe gelegene Raschplatzhochstraße und der nur noch als Werbeträger genutzte Fernsehturm wirken wie Grüße aus Retro-Utopia. Seit einem halben Jahrhundert, seit 1959, lebt der gebürtige Berliner in der Schwitters-Stadt Hannover. Kurt Schwitters fühlt sich Ulrichs, der 1961 in Hannover seine „Werkzentrale für Totalkunst und Banalismus“ aufmachte, ebenso seelenverwandt wie den Dadaisten Raoul Hausmann und Marcel Duchamp.

Es ist 11.30 Uhr. Der Künstler hat noch nichts im Magen. Aus einem einfachen Grund: In seinem Zuhause, das er beschönigend „Zimmer-Galerie“ nennt, das aber ein völlig ausgeufertes Papierarchiv ist, das sich über zwei auf derselben Etage gelegene Wohnungen erstreckt, gibt es weder Tasse noch Kaffee noch einen Stuhl, um sich zu setzten. Askese gehört unbedingt zum Dasein als Avantgardist. Doch in die Café & Bar Celona in der Lister Meile braucht der emeritierte Kunstprofessor nur die Nase hineinzustecken, da kommt schon der Kellner mit gewinnendem Lächeln und einer Tasse Milchkaffee mit samtig-cremiger Schaumkrone auf ihn zu. „Hier brauche ich nichts zu sagen, man bringt mir automatisch meinen Kaffee“, sagt der Künstler dankbar.

Rund ein Drittel seiner Zeit verbringt er in Hannover. Seine von der Mutter geerbte Triumph-Schreibmaschine, mit der er sämtliche Korrespondenz erledigt, steht aber nach wie vor in Münster, wo er von 1972 bis 2005 an der Akademie Bildhauerei und Totalkunst unterrichtete. Internetzugang hat Timm Ulrichs in Berlin, bei seiner Frau und ehemaligen Schülerin Ursula Neugebauer. Die beiden haben 2008 geheiratet. Den Ehering hat Timm Ulrichs designt: ein Goldring in Form einer sogenannten „Musterbeutelklammer“ zum Verschließen von Briefen. Er trägt den Ring in einem weißen Säckchen in der Jackentasche – „damit er nicht zerkratzt“.

Wenn Ulrichs den gewohnten Weg durch die List über das Bahnhofsgelände in Richtung Sprengel Museum einschlägt, fühlt er sich permanent beobachtet. Es ist nicht Paranoia, es ist Erfahrungswissen. 1993 hat er den einstündigen Film „Schuss und Gegenschuss“ produziert, bei dem es ihm gelungen ist, die Polizei in ein Spiel mit Observation zu verwickeln. Es handelt sich um eine Dokumentation des Wegs von seinem Atelier zum Sprengel Museum; einmal mit Handkamera von Ulrichs gefilmt, einmal lückenlos aufgenommen von beweglichen Überwachungskameras der Polizeidirektion Hannover.

Im Vorjahr lief der Film in der Schau „Embedded Art“ in der Berliner Akademie der Künste. In diesem Herbst, in dem das Sprengel Museum und der Kunstverein Hannover Timm Ulrichs mit großen Ausstellungen ehren, wird er wieder zu sehen sein.

In der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade stöhnt der Künstler. „Hier kann einem schlecht werden.“ Er ist der geborene Antikonsument, er kauft nur, was sich absolut nicht vermeiden lässt – und das sind vor allem Bücher. Er mag sich nicht vom Eigentlichen, der Kunst, ablenken lassen.

Sein Werk ist vielgestaltig und durchzogen von Witz und feiner (Selbst-)Ironie. Timm Ulrichs lief als „lebender Blitzableiter“ bei Gewitter nackt mit einer Eisenstange über ein Feld, harrte wie ein Fruchtkern in einer steinernen Schale aus, bis es schmerzte, tappte mit Blindenstock und dem Schild „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ über die Art Cologne, stellte von seinem subjektiven Standpunkt aus Versuche einer Neuvermessung der Welt an, erklärte das Universum zum Kunstraum und den Sternenhimmel zur musikalischen Partitur im Stil von Schwitters’ „Ursonate“. Bei vielen Werken fallen Schöpfung und Schöpfer in eins. Das ist das Besondere an Timm Ulrichs.

Kommenden Mittwoch, an seinem 70. Geburtstag, wird sich der Künstler ins Goldene Buch der Stadt Hannover eintragen. Er überlegt hineinzuschreiben: „Lebenslänglich: 50 Jahre Wohn-Haft in Hannover, lebend komme ich hier wohl nicht mehr raus.“ Zwar nennt er Hannover „Stadt meiner Niederlagen“, doch die Freude über die Ehrung kann er nicht verbergen. „Ich überlege, ob ich der Stadt einen Pinsel aus meinem Haar schenke. Das wäre dann eine Art Reliquie.“

Zur praktizierten Lebenskunst gehört auch, sich über das unausweichliche Ende hinaus, das Ulrichs vielfältig in Werken thematisierte, bei den Mitmenschen in Erinnerung zu halten.
Der späte Foucault hat im Anschluss an antike Formen einer ästhetischen Durchgestaltung der Existenz einmal seine Verwunderung darüber ausgedrückt, „dass in unserer Gesellschaft die Kunst nur noch eine Beziehung mit den Objekten und nicht mit den Individuen hat“. Und dass die Kunst ein spezialisierter Bereich sei, der Bereich von Experten, nämlich der Künstler. „Aber könnte nicht das Leben eines jeden Individuums ein Kunstwerk sein?“, fragte der französische Philosoph. Michel Foucault kannte offenbar Timm Ulrichs nicht, der noch vor Joseph Beuys das Künstlertum als eine allgemeine Herausforderung auffasste – und sich als Exempel. Oder wie Timm Ulrichs selbst sagt: „Ich bin Test-Fall und Studienobjekt meines selbst-inszenierten ­vivisektorischen Experiments betitelt ‚Leben‘.“

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