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Kultur Treffen der klebrigen Königinnen
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10:01 06.09.2011
Foto: Ein Mythos rankt um die Blauen Mauritius.
Ein Mythos rankt um die Blauen Mauritius.
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Berlin

In der Schatzkammer des Berliner Museums für Kommunikation, des früheren Reichspostmuseums und späteren Postmuseums der DDR, ist es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Immerhin lassen sich schwarze Stelen ausmachen; aus eingelassenen Fenstern dringt ein schwacher Schimmer. Grelles Licht würden die Schätze, die sich in den Fenstern befinden, auch nicht vertragen. Für gut drei Wochen hat sich der Kellerraum des Museums in eine Weihestätte für Philatelisten verwandelt: Die „Königinnen“ halten Hof, 18 der 27 erhaltenen ersten beiden Briefmarken der britischen Kolonie Mauritius.

Diese Marken gehören zu den einzigen Überlebenden aus einer Gesamtauflage von zweimal 500 Exemplaren, zwölf Blaue und 15 Rote Mauritius. Und um diese Marken rankt sich ein Rätsel: Während von der Roten Mauritius nur gestandene Philatelisten etwas wissen, ist die Blaue zu einem Mythos geworden, von dem fast jeder schon etwas gehört hat. Deren Seltenheit löst das Rätsel nicht – wer kennt schon die Britisch-Guyana Nr. 1, von der nur ein einziges Stück existiert? Vielleicht ist die Marke eine Art Blaue Blume der Romantik.

Eine vergessene Weisung

Zum Mythos gehören die Legenden. Auf beiden Marken findet sich die Inschrift „Post Office“ statt wie üblich „Post paid“. Der Stecher, so die Legende, habe eine Weisung vergessen und sich an der Bezeichnung für das Postamt orientiert. In Wahrheit hat er sich wohl einen gebräuchlichen Stempel zum Vorbild genommen. Die Ehefrau des britischen Gouverneurs, heißt es, habe die Marken in Auftrag geben lassen, um damit Einladungen zu einem Ball zu frankieren. In der Tat wurde der größte Teil der Auflage für diese Einladungen verwendet, aber der Ball fand am 30. September 1847 statt, und die Ausgabe der Marken war schon am 17. Dezember 1846 angekündigt worden.

Niemals zuvor hat es eine solche Ausstellung gegeben: Zu den beiden Mauritius-Briefmarken, die das Berliner Museum seit 1901 und 1904 besitzt – ein Einzelstück und einen Brief –, haben die Sammlung des britischen Königshauses, die British Library, die Postmuseen in Den Haag und Stockholm, das Blue Penny Museum in Port Louis (Mauritius) sowie Privatsammler, darunter die Borek-Stiftung in Braunschweig, ihre Kostbarkeiten beigesteuert. Nicht dabei sind eine Blaue und eine Rote Mauritius, die der Auktionator Wolfgang Jakubek 1985 in Hamburg für 1,7 Millionen Mark versteigert hat. Leider bezahlte die Höchstbietende, eine reiche Amerikanerin, nicht. Jakubek verkaufte die Marken deshalb unter Ausschluss der Öffentlichkeit; an wen, sagt er nicht. Angesprochen wurde der Betreffende schon, aber er wollte die Marken nicht in die Ausstellung geben.

Alle Marken haben eigene Biografie

Alle Mauritius-Marken haben ihre eigene Biografie. Zwölf von ihnen ist gemein, dass sie aus der Korrespondenz des französischen Weinhändlers Adolphe Borchard stammen. So auch das Glanzstück der Ausstellung: der sogenannte Bordeaux-Brief, auf dem sich als einzigem sowohl die Blaue als auch die Rote Mauritius befinden. Er gehört einem Privatsammler, der ihn 1993 in Genf für sechs Millionen Schweizer Franken ersteigert hat. Im Jahr 2000 war der Brief – selbstverständlich hinter Panzerglas – bei Karstadt Hannover zu sehen. Um den Brief reihen sich ein Probedruck, Nachdrucke von der inzwischen verschwundenen Originalplatte, ungebrauchte und gestempelte Einzelstücke. Außerdem gezeigt werden die drei erhaltenen „Ball Covers“ für die Einladung der Frau des Gouverneurs.

Eine eigene Biografie hat das „Bordeaux-Tableau“ des Museums für Kommunikation, auf dem sich ein an den französischen Weinhändler gerichteter Brief und eine gestempelte Marke sowie drei aus Hawaii und zwei von Britisch-Guyana befinden. Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert verschwand das Tableau 1945 und tauchte erst 1976 in den USA wieder auf. Bundesrepublik und DDR erhoben gleichermaßen den Besitzanspruch, sodass das Tableau erst nach der Wiedervereinigung 1990 zurückgegeben wurde.

Von der Faszination der Mauritius-Marken spricht auch eine Begleitausstellung. Sie zeigt die Marke als Marke: als Faksimile, auf Tellern, Tassen, Telefonkarten, einer Armbanduhr, Weinetiketten, in Abbildungen in Zeitschriften und Katalogen, als Nachbildung in Gold und Silber.

Bis zum 25. September im Museum für Kommunikation (www.mauritius-in-berlin.de), Leipziger Straße 16, 10117 Berlin, dienstags bis sonntags von 9 bis 22 Uhr geöffnet. Katalog 28,90 Euro.

Ekkehard Böhm

05.09.2011
05.09.2011