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Kultur „Trio“ feiert 30-jähriges Jubiläum
Nachrichten Kultur „Trio“ feiert 30-jähriges Jubiläum
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21:39 17.02.2012
Männer vom Dorf: Stephan Remmler, Peter Behrens und Gert „Kralle“ Krawinkel (v. l.) im Jahr 1983. Quelle: dpa
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Hannover

ZDF-Hitparade. 3. Mai 1982. Mit der Endziffer eins am Start: Trio aus Großenkneten. Nicht nur die Band und ihr Lied sollten sich mit diesem Auftritt ins deutsche Bewusstsein tätowieren, sondern auch das Dorf: Großenkneten. Ein Ortsname, der nach Grünkohlpflücken klang und nicht gerade nach Innovation. Vielleicht aber konnte auch nur dort – in schlichter Provinz – diese minimalistisch instrumentierte, klischeefreie Rockmusik entstehen.

Während Stephan Remmler, Gert „Kralle“ Krawinkel und Peter Behrens „Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha“ spielten, zeigte die Bildregie das Publikum. Irritierte Blicke. Verunsichertes Lachen. Heiterkeit. Der schelmische Sänger passte mit seinem Sechs-Millimeter-Haarschnitt nicht so recht in Dieter Thomas Hecks Welt. Genauso die beiden anderen: Der Gitarrist kaute Kaugummi und gab sich extrem desinteressiert. Und links stand eine traurige Gestalt hinter den wenigen Überresten eines Schlagzeuges. Eine Art Clown.
30 Jahre ist es her, dass die Band scheinbar aus dem toten Winkel auftauchte und rechts überholte. „Da da da“, so einfach und eingängig wie „She loves you yeah yeah yeah“ von den Beatles, verkaufte sich weltweit 13 Millionen Mal.

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Wer Peter Behrens heute telefonisch erreichen will, muss in dessen Stammkneipe anrufen, dem „Kling-Klang“ in Wilhelmshaven. Einen eigenen Anschluss hat der traurige Trommler von einst nicht. Er wohnt über dem Lokal. Zum Frühstück geht er runter. Der 64-Jährige hat in den letzten Jahren mehrfach in TV-Reportagen gegen Bezahlung über seinen Absturz nach Trio, über die Arbeitslosigkeit und die Alkoholprobleme gesprochen. Remmler und Krawinkel kassieren als Texter oder Komponist bis heute Tantiemen, wenn Trio-Songs im Radio laufen. Behrens nicht. „Ich war nur der Schlagzeuger“, sagt er. Die Stücke hat er nicht mitgeschrieben, weil er meinte, das nicht zu können. Von dem Geld, das er mit Trio verdiente, sei schon lange nichts mehr da. „Wir haben gefeiert, gesoffen und den Luxus genossen.“

Wie wenig Trio mit den meisten Neue-Deutsche-Welle-Bands gemein hatte und wie subversiv der Humor war, zeigten die Konzerte. Als Backgroundsängerin präsentierten sie eine Sexpuppe namens Carmen. Manchmal aß Behrens, der gelernte Clown, einen Apfel und trommelte einhändig. Während Krawinkel das Endlos-Solo von „Broken Hearts for you and me“ spielte, vertrieben sich die beiden anderen die Zeit mit Tischtennis. Denn: „Gitarrensoli sind langweilig.“ Mehrere Songs auf dem Debütalbum „Trio“ waren Antiliebeslieder. Nichts mit Sternenhimmel oder Knutschfleck. Stattdessen: „Broken Hearts for you and me“

Den Trio-Sound hatten die drei in ihrer Großenknetener WG, bei zig Auftritten und in kalten, kriegerischen Zeiten entwickelt. Reagan und Breschnew inszenierten ihr Wettrüsten. Die Friedensbewegung forderte „Petting statt Pershing“, und Nicole blockierte mit „Ein bisschen Frieden“ im Mai 1982 Platz eins der Charts. Sogar in Brasilien war „Da da da“ Nummer eins. Ausgerechnet im eigenen Land schaffte es Trio nicht an die Spitze. Der Titel hielt sich 18 Wochen in der deutschen Top Ten, davon acht auf Platz zwei.

Alles nur Blödelei? Oder – wie der Musikmanager und Trio-Entdecker Louis Spillmann fand – „Dadaismus in kommerzieller Form“? Remmler galt vor Trio als „Mick Jagger von der Wesermarsch“. Er hatte sich außerdem unter dem Pseudonym Rex Carter als Schnulzensänger versucht. Als Trio ahmten sie niemanden nach. Indem sie fiese Posen und falsches Pathos vermieden, erschufen sie etwas Eigenes – und Eigenartiges. „Neue deutsche Fröhlichkeit“ nannten sie das; Nicole-Fans konnten nicht darüber lachen.

Die Band verkuppelte Punk mit Komik und Schlagersüße, kombinierte Deutsch und Englisch im selben Songtext, und sie verzichtete anfangs auf alles Überflüssige. Trio spielte ohne Bass. Krawinkel hatte zwei der drei Tonabnehmer seiner Gitarre ausgebaut. Und den Billigbeat bei „Da da da“ klopfte ein Casio-Spielzeug-Keyboard für 150 D-Mark.

„Tocktickticktocktick“, sagt Peter Behrens am Telefon. „Da da da“ war ursprünglich gar nicht auf der ersten Trio-Platte. Die nachträglich aufgenommene Single sollte das bis dahin dürftig verkaufte Album anschieben.

Wann wussten Sie, dass die Strategie funktioniert? „Als wir in Saarbrücken an einer Ampel standen“, erzählt der 64-Jährige. „Drei Fahrspuren, wir auf der mittleren.“ Links ein Auto, rechts ein Auto. Und ein vertrautes Geräusch. Also kurbelten sie die Scheiben runter und hörten es von links und von rechts. „Tocktickticktocktick.“

Anlässlich 30 Jahre „Da da da“ ist eine neue Trio-DVD erschienen: „... und dann kannst du mich von vorne sehen“ enthält einen „Rockpalast“-Auftritt von 1982 und eine arte-Dokumentation über die Band.

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