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Kultur Trompeter im Weihnachtsstress
Nachrichten Kultur Trompeter im Weihnachtsstress
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22:59 13.12.2010
Nach dem Konzert ist vor dem Konzert: Martin Stegemeier (links) und Christian Wöbking. Quelle: Uwe Kreuzer
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Weihnachten. Ruhe, Frieden, Besinnung. Bei all dem Stress, den der Geschenkewahn und die unvermeidlichen Familienfeiern verursachen, suchen viele Menschen Entspannung, der Weg führt dann oft zum Weihnachtskonzert. Von denen gibt es fast so viele wie Nadeln am Christbaum, und oft erklingt dabei der Deutschen liebstes adventliches Erbauungswerk: das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Dem Zuhörer beschert Bach Tiefenentspannung und Glückseligkeit – Sängern und Musikern harte Arbeit.

Besonders betroffen vom Weihnachtsstress ganz eigener Art sind Trompeter wie Martin Stegemeier. Gute Blechbläser sind rar, erst recht in Laienorchestern, und deshalb heuern Kirchenchöre und Gesangvereine meist Profimusiker an. Gleich nach den Auftritten spricht man meist schon über die Konzerte im kommenden Jahr, oft spielen Chöre und Musiker über Jahre zusammen.

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„Ich spiele das Weihnachtsoratorium in diesem Jahr mit drei verschiedenen Chören“, sagt der Hannoveraner Stegemeier. Das kann schon mal in Stress ausarten. Schließlich müssen Musiker und Chor wenigstens ein-, zweimal miteinander proben, oft stehen dann zwei oder gleich drei Konzerte mit demselben Chor an einem Wochenende an. Hinzu kommen festliche Gottesdienste und andere Adventskonzerte.

Das Weihnachtsgeschäft kann also ein einträgliches Zubrot sein, stellt aber auch eine Belastungsprobe dar. So hat Stegemeier am vergangenen Donnerstag mit der Kreiskantorei des Kirchenkreises Garbsen-Seelze geprobt, am Freitag und Sonnabend mit dem Chor zwei Konzerte vor 500 hingerissenen Zuhörern gegeben und am Sonntagmorgen schon wieder einen Gottesdienst in der hannoverschen Kreuzkirche begleitet. Außerdem hat der Profimusiker regelmäßige Verpflichtungen mit seinen Stamm­ensembles, er gibt zudem Unterricht in der Musikschule der Stadt. Freizeit ist während der Adventswochen Mangelware.

Das starke Interesse an guten Trompetern lässt sich indes nicht allein durch den Nachwuchsmangel erklären. Die zu spielenden Parts im WeihnachtsoratoriumStegemeier selbst spricht im Musikerjargon schlicht vom „WO“ – stellen hohe Anforderungen an die Bläser. „Die Melodien sind für Barocktrompete geschrieben“, sagt Stegemeiers Kollege Christian Wöbking. Die Barocktrompete zeichnet sich durch das sogenannte Clarin-Spiel aus, das Spiel in sehr hohen Lagen. „Das ist mit den modernen Trompeten schwierig zu spielen“, sagt Wöbking. „Das kann nicht jeder.“ Er klingt keineswegs eitel, wenn er das sagt.

Wer genau hinhört, bemerkt den Unterschied zu neueren Werken. Die Trompeten klingen im Weihnachtsoratorium beinahe wie Fanfaren, sie verbreiten Glanz und Glorie, was den euphorischen Charakter des Werks unterstreicht – man meint die sprichwörtlichen Engelstrompeten zu hören. Wöbking und Stegemeier, das ist beim Konzert in Seelze-Letter deutlich zu sehen, genießen die Herausforderung, die Bachs Meisterwerk an die Trompeter stellt. Konzentriert blicken die beiden auf ihre Noten, Freude und Spiellust in den Augen. Hinter ihnen ein Chor mit mehr als 60 Sängern, zwei Dutzend Instrumentalisten, die schweren Pauken, ein mitreißend dirigierender Kantor: Da wird Musik zum Monument, und die Trompeten haben maßgeblichen Anteil daran.

Dabei haben sie eigentlich gar nicht viel zu spielen. Die ersten drei von sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums sind beim Konzert in Letter zu hören. Das sind 35 Choräle, Arien, Rezitative und Instrumentalpassagen, mit denen die Geschichte von Christi Geburt erzählt wird. Die Trompeten spielen aber nur in vieren davon mit, ein Part wird wiederholt – macht fünf Einsätze für Wöbking und Stegemeier, den Rest der Zeit sitzen sie still da. „Aber Bach war wirklich großzügig mit den Trompetenparts“, sagt Stegemeier. Denn wenn sie mal mitspielen, haben die Blechbläser eine tragende Rolle.

Viel Konzentration ist also gefragt bei so langen Wartezeiten. „Das fällt mir aber nicht schwer“, sagt Stegemeier. „Ich höre Bach einfach zu gern. Die Musik ist so toll, da ist sogar das Warten schön.“ Auch Wöbking lauscht aufmerksam, wenn er Pause hat. „Ich habe das schon so oft gespielt und gehört, aber auch zu Hause kommt das Weihnachtsoratorium oft in den CD-Player“, sagt er.

Das „WO“ sei schließlich das Werk zum Weihnachtsfest. „Es gibt auch noch andere schöne Weihnachtsmusik, etwa von Camille Saint-Saëns“, sagt Wöbking. Stegemeier schwärmt von einem Album des Jazz-Posaunisten Nils Landgren, der traditionelle skandinavische Musik zum Fest neu vertont hat. Aber Bach, da sind sich beide einig, treffe den Charakter des Festes einfach am besten. „Ohne Bach kann es nicht Weihnachten werden“, sagt Wöbking. Nun denn: Jauchzet, frohlocket!

Uwe Kreuzer

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