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Kultur Trotz politischer Verfolgung – Iraner Panahi dreht zweiten Film
Nachrichten Kultur Trotz politischer Verfolgung – Iraner Panahi dreht zweiten Film
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21:21 12.02.2013
Von Stefan Stosch
Foto: „Er sollte hier sein“ – Panahi konnte an der Premiere seines eigenen Films nicht teilnehmen, der iranische Regisseur darf sein Land nicht verlassen.
„Er sollte hier sein“ – Panahi konnte an der Premiere seines eigenen Films nicht teilnehmen, der iranische Regisseur darf sein Land nicht verlassen. Quelle: dpa
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Berlin

Weithin sichtbar ist der iranische Regisseur Jafar Panahi vor dem Berlinale-Palast nur als Pappfigur von Protestierenden. Bei dem Filmfest selbst ist der Mann, der 2006 mit „Offside“ den Silbernen Bären gewann, mangels Ausreisegenehmigung aus Teheran diesmal nur durch seinen Film „Geschlossener Vorhang“ präsent. Das iranische Regime hat Panahi zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt - noch läuft ein Berufungsverfahren. Zudem darf er 20 Jahre lang weder arbeiten noch reisen. Das Vergehen des 52-Jährigen: Er hat sich zur oppositionellen grünen Bewegung in seinem Land bekannt.

„Geschlossener Vorhang“ bietet einen Einblick in die Gedankenwelt eines Regisseurs, der gar nicht anders kann, als Filme zu drehen. Sein Werk habe die Berlinale über den belgischen Weltvertrieb erreicht, sagt Festivalchef Dieter Kosslick. Das immerhin ist eine Verbesserung: Beim Festival in Cannes lief im Vorjahr Panahis Film mit dem Titel „Dies ist kein Film“, und diese Arbeit wurde in einem Kuchen nach Südfrankreich geschmuggelt. Damals hatte Panahi eine Digitalkamera auf seinem Küchentisch postiert und seinen Alltag unter Hausarrest gefilmt. Eine ziemlich übersichtliche Angelegenheit. So einfach ist es jetzt nicht mehr.

Schauplatz von „Geschlossener Vorhang“ ist wieder ein geschlossener Raum, ein Haus am Strand. Zwei Personen lassen sich darin nieder: ein Schriftsteller mit einem Hund namens Boy und bald darauf eine junge Frau. Sie kennen sich nicht, beäugen sich misstrauisch. Der Mann tackert dunkle Vorhänge vor die Fenster. Er hat Angst um seinen Vierbeiner - einmal werden im Fernsehen Szenen von Massentötungen von Hunden eingespielt. Die Frau hat sich von einer unerlaubten Party am Strand ins Haus geflüchtet. Aber das ist nur eine Erzählebene.

Nach einer knappen Kinostunde tritt Panahi ins Bild. Und von nun an bekommt alles einen anderen Sinn. Die beiden Hausbewohner sind offenbar Phantasiefiguren des Regisseurs. Sie beobachten den Regisseur, der Regisseur ist versunken in sich selbst. Sonst passiert wenig, der Star ist der clevere Hund Boy - so wie es im vorigen Film das Hauschamäleon Igi war.

In der wohl nachdrücklichsten Szene sieht Panahi sich selbst, wie er in das Meer vor seiner Haustür hineinwatet. Einen Moment später wird die Szene zurückgespult. Sie ist kaum fehlzudeuten: Sebstmordgedanken bewegen Panahi. „Ich habe das Drehbuch geschrieben, als ich an einer Depression litt, die mich dazu gebracht hat, eine irrationale Welt jenseits der logischen Konventionen zu erkunden“, schreibt er in einer Botschaft.

Die 63. Berlinale ist eröffnet. Jetzt beginnt das Rennen um die Bären – und das Warten auf die großen Hollywoodstars.

Kambozia Partovi, Koregisseur und Darsteller des Schriftstellers, durfte nach Berlin reisen - zusammen mit Melika Maryam Moghadam, die die junge Frau spielt. Das Filmen sei Panahis Mittel, um Selbstmordgedanken zu verdrängen, sagt Partovi.

Regiekollegen dürften beim Blick auf Panahis Leid ihre künstlerische Freiheit erst richtig zu schätzen lernen, zum Beispiel der US-Amerikaner Steven Soderbergh, der gerne gesellschaftskritische Themen in handliche Genre-Stücke verpackt („Traffic“, „Erin Brockovich“). Soderberghs neuer Thriller „Side Effects“ führt in die Welt der Psychopharmaka: Emily Taylor (Rooney Mara) ersticht unter dem Einfluss von Medikamenten ihren Ehemann mit dem Küchenmesser. Psychiater Jonathan Banks (Jude Law) will beweisen, dass Emily unschuldig schuldig ist - und droht Opfer einer ausgeklügelten Intrige zu werden.

Soderbergh hofft nun, dass sein Film Konsequenzen hat und eine politische Debatte über Psychopharmaka anstößt. Panahi dagegen muss hoffen, dass sein Film keine politischen Konsequenzen für ihn hat.

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