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Kultur Tschechows „Kirschgarten“ am Thalia Theater
Nachrichten Kultur Tschechows „Kirschgarten“ am Thalia Theater
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19:47 06.03.2012
Von Martina Sulner
Foto: Es leuchtet: Barbara Nüsse.
Es leuchtet: Barbara Nüsse. Quelle: Armin Smailovic
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Hamburg

Welch eine Langeweile: Da sitzen die Bewohner eines verschuldeten Guts nebeneinander - und machen nichts. Minutenlang blicken sie schweigend ins Publikum. Ab und an ruckeln sie auf ihren Stühlen herum, manchmal verziehen sie immerhin eine Miene. Luk Perceval stimmt in seiner Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" die Zuschauer deutlich ein auf das, was folgt: auf den Überdruss und die innere Leere der Figuren, die fast alle durch ihre seelische und geistige Unbeweglichkeit am Leben scheitern.

Elf Jahre nach seiner hannoverschen Inszenierung (und eine Woche nach Stephan Kimmigs "Kirschgarten"-Premiere am Deutschen Theater in Berlin) hat Perceval das Stück nun am Hamburger Thalia auf die Bühne gebracht. Saßen in Hannover die Schauspieler noch auf veritablen Holzstühlen um einen Billardtisch herum, hocken sie auf der ansonsten leeren Hamburger Bühne auf ein paar Klappstühlen. Immerhin lässt Kathrin Brack - damals wie heute fürs Bühnenbild verantwortlich - Dutzende helle Kugellampen von der Decke baumeln. Das erinnert sacht an das Gutshaus, in dem Tschechows Stück spielt, und daran, dass im Garten der finanziell ruinierten Gutsherrin Ranjewskaja gerade die Kirschbäume blühen.

Percevals "Kirschgarten" ist nicht nur äußerlich extrem reduziert: In der Übersetzung von Thomas Brasch hat der Regisseur kräftig gestrichen und einiges aktualisiert. So wickelt Emporkömmling Lopachin, der den Besitz aufkauft, allenthalben irgendwelche Geschäfte am Handy ab. Und er wirbt dafür, statt Kirschen doch Raps anzubauen, das bringe schöne Subventionen.

Diese Aktualisierung ist zwar nicht gerade subtil, aber Perceval macht in seiner gut eineinhalbstündigen Inszenierung deutlich, dass das 100 Jahre alte Stück durchaus als Zustandsbeschreibung der heutigen Welt dienen kann. Sprachlos und unfähig zum Dialog, versunken in Illusionen vom privaten (Liebes-)Glück verstehen die Figuren nicht, was um sie herum passiert - und wollen die Realität auch gar nicht an sich herankommen lassen. Bewegung kommt nur dann in sie, wenn Musik ertönt. Dann und wann spielt der hannoversche Jazz- und Swing-Musiker Lutz Krajenski an der Hammondorgel Schlagermelodien - und die Schauspieler tanzen, wenn auch mit starrem Gesichtsausdruck.

Offene Leidenschaft zeigen in Percevals stimmigem und intensivem "Kirschgarten" nur wenige Schauspieler: Tilo Werner, der als hibbeliger Lopachin Geldgier und Aufstiegswillen nur schwer verbergen kann, Sebastian Rudolph als Student Pjotr - und Barbara Nüsse als Ranjewskaja, die von ihrer großen Liebe träumt. Die anderen Darsteller - darunter Oda Thormeyer als Warja, die diese Rolle schon 2001 in Hannover gespielt hat - bleiben weitgehend verhalten.

Wenn die Figuren doch mal aus sich herauskommen, geraten sie schnell in Hysterie. Um bald darauf wieder in Trägheit zu versinken.

Wieder heute und am 21. März, Karten unter (040) 32814444.

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05.03.2012