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Kultur „Ich bin sehr zu viel“
Nachrichten Kultur „Ich bin sehr zu viel“
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22:44 27.08.2013
Wolfgang Herrndorf wurde 48 Jahre alt. Quelle: dpa
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Berlin

Bei seinem ersten Auftritt vor großem Publikum präsentierte er sich in ziemlich selbstironischer Pose: In einem Autorenporträt für den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2004 ließ sich Wolfgang Herrndorf als bedürftiger Schriftsteller filmen. In dem kurzen Beitrag saß er auf einem Gehsteig und bettelte um ein bisschen Kleingeld - der arme Poet im 21. Jahrhundert. Mit einem Ausschnitt aus seinem Erzählband „Diesseits des Van-Allens-Gürtels“ gewann er damals den Publikumspreis des Wettlesens; der Hauptpreis ging an den „Turm“-Autor Uwe Tellkamp. Viele Leser und Journalisten fanden, dass die Klagenfurter Jury Herrndorf reichlich unterschätzt hatte. Andere Juroren waren da schlauer: In der Folgezeit hat der Berliner zahlreiche Literaturauszeichnungen erhalten - und, viel wichtiger, Hunderttausende Leser begeistert: Sein Roman „Tschick“, den die HAZ als Fortsetzungsroman gedruckt hat, ist einer der großen Bucherfolge der vergangenen Jahre. Am Montag ist Herrndorf im Alter von 48 Jahren gestorben. Nach Auskunft der Autorin Kathrin Passig, die lange mit Herrndorf befreundet war, hat er sich erschossen.

Sein Tod ist - so merkwürdig das klingen mag - nicht überraschend. Seit Jahren schon litt der Autor an einem unheilbaren Hirntumor. Schon als er im vergangenen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse für den Roman „Sand“ erhalten hat, nahm er die Auszeichnung nicht mehr selbst entgegen. Dabei ging Herrndorf mit seiner Krankheit durchaus offensiv um. In seinem Internetblog „Arbeit und Struktur“ schrieb er über seine Literatur und seine Krankheit. Vor gut zwei Jahren, als die Welle der Begeisterung über „Tschick“ besonders hoch schwappte und es um den Verkauf der Filmrechte ging, notierte er zum Beispiel: „Und das ist der Punkt, wo ich dann doch so eine Art Ressentiment empfinde: 25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst ... Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“

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Diesen Ton - gradlinig, gefühlvoll, aber nicht sentimental - schlug Herrndorf auch in „Tschick“ an. In dem 2010 bei Rowohlt veröffentlichten Bestseller erzählt er von dem schüchternen Berliner Jungen Maik und dem wilden Andrej Tschichatschow, genannt Tschick. Die beiden klauen einen Lada, fahren einen Sommer lang durch Ostdeutschland, treffen merkwürdige Männer und schöne Frauen - und werden ein bisschen erwachsen. Maik, dessen Mutter gerade mal wieder in der Entzugsklinik ist und dessen Vater mit der Geliebten in den Urlaub gefahren ist, sagt über sich, er habe nie einen Spitznamen gehabt - „außer in der Sechsten, da hieß ich kurz mal Psycho. Das ist auch nicht der ganz große Bringer, wenn man Psycho heißt. Aber das dauerte auch nicht lang, und dann hieß ich wieder Maik.“

Herrndorf hatte eine ganz besondere Begabung, Warmherzigkeit mit Lakonie zu verbinden. Das macht wohl auch den großen Erfolg von „Tschick“ aus; mittlerweile ist das Buch Schullektüre, es wurde in 24 Sprachen übersetzt und ist auf mehreren Theaterbühnen zu sehen. Am 27. September wird das Stück in der Regie von Anne-Stine Peters am hannoverschen Ballhof Premiere haben.

Schon Jahre vor diesem Buch bekam Herrndorf für seinen Debütroman „In Plüschgewittern“ (erschienen 2002) viel Anerkennung. Angefangen hatte der gebürtige Hamburger jedoch als Maler. In Nürnberg studierte er Malerei, arbeitete danach mehrere Jahre als Illustrator, etwa für den Haffmans Verlag und die „Titanic“.

Als er „Tschick“ zu schreiben begann, war der Tumor bereits diagnostiziert worden. Er wolle jetzt, erklärte Herrndorf damals, nur noch solche Geschichten schreiben, die er selbst gern lesen würde. Über literarische Konzepte oder Schreibtheorien zu fachsimpeln war ihm fremd, auch wenn er in seinem Blog über Literatur und Lektüreerlebnisse schrieb. Vor ein paar Jahren sagte er in einem Interview, er nehme sich nur eines vor: Du sollst nicht langweilen.

Das hat Herrndorf wahrlich nicht gemacht. In seinem Blog hat er offen seine Krankheit und seine Ängste geschildert, dabei war er von manchmal überwältigender Klarheit. „Befund schlecht wie erwartet ... Ende der Chemo. OP sinnlos. Ich weiß, was das bedeutet ...“, schrieb er im Juli.

Noch in den letzten Tagen vor seinem Tod hat Wolfgang Herrndorf geschrieben - über seine Sprachstörungen, seine Gedächtnislücken, seine Schmerzen. Am 11. August war zu lesen: „August, September, Oktober, November, Dezember, Schnee Jeder Morgen, jeder Abend. Ich bin sehr zu viel.“ Der letzte Eintrag lautet: „Schluss.“

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