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00:21 28.11.2014
Udo Jürgens ist inzwischen achtzig Jahre alt und macht in der TUI Arena die Zeit vergessen.
Udo Jürgens ist inzwischen achtzig Jahre alt und macht in der TUI Arena die Zeit vergessen. Quelle: Petrow
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Hannover

Auf was kann man sich in Deutschland verlassen? Niemand wird eine Mauer quer über eine Autobahn bauen. Die Diskussionen um die Zeitumstellung kommen in jedem Jahr so sicher wie das nasskalte Novemberwetter. Und Udo Jürgens nimmt am Ende jedes Konzertes die Ovationen seiner Fans im Bademantel entgegen.

Dunkler Anzug, Krawatte und rotes Einstecktuch: Udo Jürgens enttäuscht seine Fans in der ausverkauften TUI Arena nicht. Zum Abschluss sitzt er verschwitzt im Bademantel am Flügel und singt "17 Jahr, blondes Haar".

Jürgens war zu Gast in der ausverkauften hannoverschen TUI Arena. Dass ihn das Orchester des Schweizers Pepe Lienhard seit 1982 begleitet, dass er über 100 Millionen Schallplatten verkauft hat, dass er sein eigenes Musical hat, all das weiß man irgendwie, ob Jürgens-Fan oder nicht. Und natürlich, dass er nach eigenem Bekunden noch niemals in New York gewesen ist. Diese Melodie – genau wie die vieler anderer – ist bei vielen Deutschen jederzeit abrufbar aus dem Langzeitgedächtnis. Jürgens, der Grenzgänger zwischen Chanson und Schlager, ist inzwischen achtzig Jahre alt und macht in der Arena die Zeit vergessen.

Ursprünglich, sagt Jürgens nach „Die Welt braucht Lieder“, gestern Abend der Eröffnungssong, habe für ihn in Hannover alles im GOP angefangen, „aber in der TUI Arena ist es auch ganz schön.“ Er verspricht ein Konzert „voller Liebe.“ Und singt „Alles aus Liebe“. Alt ist sie, seine Stimme, der kraftvolle Schmelz früherer Jahre ist nur noch zu ahnen. Und müde wirkt er, aber seine Refrains sind oft immer noch mitreißend. Er ist perfekt gestylt im typischen dunklen Anzug, mit Krawatte und rotem Einstecktuch, wird sanft unterstützt von vier Backgroundsängern und hier und da von Duettpartnerinnen. Mit Frauen kennt er sich aus – auch das weiß man, auch das verzeiht man.

Er singt in „Der gläserne Mensch“ von Apple- und iPhonewahn. Breit aufgestellt war er schon immer, es geht von siebzehnjährigen Schönheiten über dicke Damen bis zu hasserfüllten Hausmeistern – die Bilder, die er malt, sind fast immer stimmig. Nach den ersten Liedern wird die Stimme stärker, da wirkt er auch nicht mehr so, als sei das Hemd zu eng. „Die Krone der Schöpfung“ habe ihm eine Anzeige der katholischen Kirche eingebracht, sagt er, fast stolz. Das Lied wächst zu einer Symphonie, das Publikum ist bei ihm.

Nach der Pause spielt er die Klassiker: Die immer immer wieder aufgehende Sonne, die Stadt, die niemals schläft, das gar nicht so ehrenwerte Haus, die Bäckerei. Den Imiglikos zelebriert er in akustischer Zeitlupe: „Griechischer Wein“ wird in der Arena vieltausendfach mitgesungen, man wiegt sich im kollektiven 
 Sirtaki-Wohlfühlmodus, alles strebt nach vorne, zur Bühne. Jetzt ist seine Stimme voll da, macht Druck, die begeisterten Zuhörer klatschen mit, lieben, leben, leiden mit.

Dann: Bademantel. Jürgens sitzt in weißen Frottee gehüllt verschwitzt am Flügel, das erste Mal huscht ein Lächeln über sein angestrengtes Gesicht, er singt „17 Jahr, blondes Haar“ und „Merci, Chérie“. Hach.
Vor dem Konzert protestierten drei Männer auf der Expo-Plaza gegen den Text von „Der Mann ist das Problem“. Deren Bekundungen, Jürgens würde ein diffamierendes Bild seines Geschlechts bieten, blieben nahezu ungehört. Unmut gegen Udo Jürgens ist Unmut gegen das Leben.

Von Michael Krowas

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